Glatteis im Frühling

Ich hab es nicht kommen sehen. Schon wieder nicht. Dabei dachte ich, ich wäre schon weiter. Nun gut, Selbstvorwürfe helfen mir jetzt nicht. Die ziehen mich nur noch weiter runter. Immerhin, soweit bin ich schon.

Wenn ich mich über Kleinigkeiten aufrege, stimmt was mit mir nicht. Dass ich das tat, merkte ich erst einmal nicht. Jeder ärgert sich ja mal. Aber danach hakt er es ab. Ich nicht. Der Ärger hielt an. Manchmal über Stunden oder wartete gleich morgens wieder auf mich. Nach dem Aufwachen winkte er mir zu wie ein alter Bekannter. „Na, weißte noch? Ich gestern? Ich bin noch da!“

Ich hab es verdrängt. Alles normal. Ich habe nicht gesehen, dass das, was die ganze Zeit in mir brodelte Auslöser war für diese Gereiztheiten. Ich wurde darauf hingewiesen. Letzte Woche, dann am Wochenende. Von meiner Tochter. Von einem Freund. Überreaktionen, die man von mir nicht gewöhnt ist. Im Normalfall.

Sonntag dann zum Sport. Austoben. Das tat mir gut. Der Muskelkater anschließend war mir egal. Mir ging es hinterher besser. Erst einmal. Bis zur nächsten Kleinigkeit. Die Gereiztheiten häuften sich. Ich hasse es, ungerecht zu werden. Nachdenken. Ursachen-Forschung. Wieder einmal. Dabei wollte ich nicht mehr graben. Doch manchmal geht es nicht anders.

Dann sehe ich es auf einmal klar vor mir. Die Ursache liegt woanders. Es ist die Arbeit. Ich bin unzufrieden. Nicht ausgelastet. Nichts dramatisches, was einen Stellenwechsel rechtfertigen würde. Aber es nagt an mir. Stetig. Seit Wochen hat es sich langsam aufgestaut. Der Knoten ist gelöst. Ich weiß woher es kommt. Da muss ich noch mal ran. Überlegen was ich tun kann.

Dann doch der Ärger. Über mich. Wie leichtsinnig man wird, wenn es so lange gut ging. Vielleicht ist es gerade das. Es fühlt sich so gut an. So leicht. Ich wollte nicht, dass das gute Gefühl aufhört. Tut es auch nicht. Doch kurz fühlt es sich so an.

Vor meinem inneren Auge das Bild von Glatteis auf dem ich mich immer wieder bewege, seitdem ich die ganz schwere Depression überwunden habe, die unter dem Eis liegt. Glatteis im Frühling. Auf dem Eis ist es noch ok. Ich bin geschlittert, das Eis knarzt. Aber ich habe mich gefangen.

Erleichterung, dass es nicht so schlimm wie damals ist. Vor 10 Jahren. Damit es nie wieder so schlimm wird, ist es wichtig, dass ich mit meinen Kräften haushalte. Ruhephasen. Sie sind so wichtig für mich. Das vergesse ich zu schnell. Wenn das Leben auch gerade so viel Spaß macht. Privat.

Ich lasse mir das nicht kaputt machen. Es wird wieder bergauf gehen. Weil ich es will. Und wenn ich das überwunden habe, bin ich wieder einen Schritt weiter nach vorn. So wie jedes mal, wenn ich dazu gelernt habe.

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4 Gedanken zu “Glatteis im Frühling

  1. Glatteis…die versteckte Gefahr, die unterdrückte Gefahr, die Gefahr, zu stürzen oder einzubrechen.
    Die Mahnung, aufzupassen, auf sich, das Leben.
    Die ständige Begleitung, die kaum einer richtig versteht, außer
    demjenigen Leben, dass sie begleitet.

    Wundervoll

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