Was dir bestimmt und zugedacht…

Bei einem Gespräch, das ich heute auf Twitter führte, kam mir mein Poesiealbum in den Sinn, das meine Mutter mir zur Einschulung schenkte.

Sie hatte folgenden Spruch hineingeschrieben, dessen Inhalt ich natürlich erst viel später verstand und noch viel später seine fatale Wirkung auf mich:

Liebe „Vorname“,

Was Dir das Schicksal auch beschieden,
nimm’s hin und sei zufrieden.
Vergeblich bleibt dein Klagen,
was dir bestimmt und zugedacht
ist Fügung einer höheren Macht,
Du musst es eben tragen.

Dieses schrieb Dir
Deine Mutter

Ich weiß heute, warum sie es schrieb. Kenne die Hintergründe. Doch das macht die Sache nicht besser. Denn genauso lebte ich 38 Jahre meines Lebens. Ich ertrug alles. Egal was es war. Ich muckte nur sehr selten auf. Alles war vorbestimmt?! Also wozu? Meine Aufgabe war es, alles zu ertragen. So dachte ich.

Das mag zutreffen wenn man krank wird, doch selbst dann kann man kämpfen, auch wenn es vergeblich bleibt, man hat es versucht. Ich wehrte mich nicht. Sondern ertrug. So, wie meine Mutter es mir beibrachte. So, wie sie es mir vorlebte. Ich ertrug alles so lange, bis ich wirklich krank wurde. Seelisch. Schwer depressiv. Erst als es nicht mehr tiefer ging und ich  mich entscheiden musste zwischen Leben und Tod, wurde ich wach. Holte mir psychotherapeutische Hilfe, nahm Medikamente und fing an, aus diesem Konstrukt auszubrechen. Ich fing an zu kämpfen. Das war schwer, anstrengend, oft kraftraubend und sehr sehr tränenreich. Aber es war auch ein gutes Gefühl. Stück für Stück kam es.

In dieser Zeit führte ich immer wieder Gespräche mit meiner Mutter. Sie waren nicht leicht. Endeten oft im Streit bei dem mindestens eine von uns in Tränen ausbrach. Das war für keinen von uns beiden leicht. Es ist noch gar nicht lange her, da holte sie bei einem dieser Gespräche, die inzwischen wesentlich ruhiger verlaufen, ihr Poesiealbum raus. Sie öffnete es und zeigte mir den Eintrag ihrer Großmutter und sagte bitter: „Schau mal, das schrieb mir meine Großmutter ins Poesiealbum. Klasse ’ne?“

Ich las ihn und traute meinen Augen nicht. Es war derselbe Spruch, den sie mir ins Poesiealbum geschrieben hatte. Sie wusste es nicht mehr. Ich weiß nicht, wer in dem Moment erschrockener war. Sie oder ich. Es spielt auch keine Rolle und es war nicht nötig, ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Ich weiß nur eins: Ich bin froh, dass ich meine Kinder zu selbstbewussten Menschen erzogen habe, die für das was sie wollen kämpfen und sich wehren, wenn es angebracht ist. Dass sie wissen, sie müssen nicht alles ertragen sondern nur das, was man tatsächlich nicht ändern kann.

Man kann das emotionale Familienerbe durchbrechen. Wenn man lernt zu kämpfen und sich zu wehren. Mit der richtigen Hilfe. Die hatte ich und ich weiß dieses Glück zu schätzen.

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