Solange ich es nicht ausspreche, ist es nicht wahr oder wie ich wieder zu mir fand.

„Solange ich es nicht ausspreche, ist es nicht wahr.“

Das ist natürlich völliger Unsinn und doch war es für mich für eine sehr lange Zeit die einzige Möglichkeit, mich vor ständig drohenden Abstürzen zu retten. Und vielleicht war es für mich sogar eine von vielen Voraussetzungen für Weg aus der schlimmsten Depression.

Zu dieser Zeit hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass ich jemals auf die Frage „Wie geht es dir?“ aus ganzem Herzen und ehrlich sagen könnte: „Danke, mir geht es wirklich gut.“

Wurde mir diese Frage gestellt, gingen mir 1000 Gedanken durch den Kopf. Nein, es fühlte sich nicht gut an. Wieso eigentlich? Ich war nicht ernsthaft, lebensbedrohlich krank. Habe zwei tolle Kinder. Verdiene genug um davon gut leben zu können. Wie kann man da sagen, es ginge einem nicht gut? Wo es doch so viele andere gibt, denen es wesentlich schlechter ging. Ja, mir war oft speiübel, bekam Panikattacken, ich schlief schlecht, weinte viel. Aber das taten andere auch. Also sagte ich: „Danke, gut.“, wenn es gerade irgendwie auszuhalten war. Vielleicht auch, weil sonst die Frage gekommen wäre: Warum? Was ist denn los? Auch von denen, die wussten dass ich an Depressionen erkrankt war. Wie könnte man es ihnen übel nehmen. Wer selber nie daran erkrankt war, kann es nicht wirklich nachvollziehen. Aber immer wieder erklären wollte ich auch nicht. Weil man sich das selber nicht erklären kann.

Und außerdem ging es mir ja auch schon besser als zu dem Zeitpunkt, als ich mit schweren Depressionen und Suizid-Gedanken in Therapie ging. Das war doch schon ein Fortschritt.

Das und noch viel mehr, ging mir durch den Kopf bis ich nicht weiter drüber nachdenken wollte. Ich  machte ja eine Therapie. Arbeitete an mir. Für die restliche Zeit hieß es durchhalten. Ja, ich hab mir die Zeit versucht schön zu reden, weil es für mich über-lebenswichtig war. Ich war nicht gern allein, war einsam, sehnte mich nach Liebe, die ich nie bekommen hatte. Diese Gedanken zogen mich runter. Immer wieder. Dachte, ich müsste nur geliebt werden, nur einmal von einem Partner so geliebt werden, wie es sein sollte, wie man es sich vorstellt. Dann wäre alles gut.

Heute weiß ich: Ist es nicht. Ein Partner kann nicht auffangen, was in der Kindheit schief lief. Die fehlgesteuerten, lange falsch erlernten Verhaltensweisen und Gedanken, die direkt in die Depression führten. Das zu erwarten, wäre sehr unfair. Kein Partner kann das leisten. Er ist kein Therapeut, er ist Partner. Die Liebe eines Partners kann Symptome für eine gewisse Zeit lindern. Er kann stützen.  Natürlich tut Liebe gut, Arme, die einen halten, Streicheleinheiten, Sex. Man fühlt sich „geheilt“. Ein trügerisches Gefühl. Weil ja nun endlich das da ist, was fehlte. Doch was ist, wenn die Beziehung zerbricht? Oder sie zu zerbrechen droht? Dann fängt man wieder dort an, wo man vorher war. Die Eifersucht, Verlustängste, Panikattacken, Tränen, Minderwertigkeitsgefühle, ich bin nicht gut genug, niemand liebt mich usw usw. Alles wieder da. Und wer ist Schuld? Der Partner! Weil er nicht bleibt, weil er das sichere Gefühl, das man für eine Zeit spürte wieder mitnimmt.

Nein, so geht Liebe nicht. So geht Abhängigkeit. Sie sagt: „Wenn du gehst, geht es mir schlecht. Ohne dich kann ich nicht leben.“ Abhängigkeit kettet den Partner an. Nimmt ihm die Luft zum atmen. Erpresst ihn.

Es geht hier nicht um Schuld. Depression ist und bleibt eine Krankheit. Und doch geht es um Verantwortung und den Willen zu lernen. Meine Therapeutin lenkte mich, Antidepressiva sorgten in den ersten 3 Jahren dafür, dass ich Kraft sammeln konnte. Doch die eigentliche Arbeit aus der Depression konnte nur ich selbst leisten. Für mich selbst. Einen Weg zu finden, wie ich dort raus komme. Ich wollte da raus. Ich wollte nicht, dass ich meine Kinder damit belaste,  wenn ich denke, ich lebe nur noch für euch. Was wäre, wenn ich das irgendwann nicht mehr kann? Sie sollten sich nicht schuldig fühlen, wenn ich aufgeben müsste. Sie können am wenigsten dafür. Ich wollte, dass sie frei sind. In ihrem Handeln, in ihrem Leben. Dafür musste ich für mich selber sorgen. Ich wollte dieses Familienerbe durchbrechen. Ihnen zeigen, man kann etwas ändern, es muss nicht alles immer so weiter gehen. Kein: Täglich grüßt das Murmeltier. Ich möchte, dass sich die Menschen, die ich liebe,  frei fühlen können in meiner Liebe. Auch, wenn sie gehen. Es ist ihr gutes Recht und ich habe mein eigenes Leben gefunden. Ich möchte, dass sie sich frei fühlen können, so frei, wie ich mich fühlen möchte.

Und ich habe die Liebe gefunden. Anders, als ich sie mir damals erträumte. Aber sie ist da, überall. Und vor allem in mir. Dafür bin ich dankbar. Den Menschen, die mich auf diesem Weg – wenn auch nur stückweise – begleitet haben. Aber auch mir, dass ich diese Kraft hatte und den starken Willen.

Ich habe Frieden geschlossen mit den Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass ich so wurde. Sie wussten es nicht besser.

Ich tue Dinge, die mir Spaß machen. Einfach so. Ich wusste gar nicht, dass man sie tun kann, auch wenn man nicht außergewöhnlich gut darin ist. Ich singe im Chor, obwohl man mir sagte, ich kann nicht singen und ich werde Klavierspielen lernen. Nur für mich. Das fühlt sich verdammt gut an.

Mir machen übrigens genau die Dinge die meiste Freude, von denen mir alle abgeraten hätten oder versuchten mir abzuraten. Sie schauten mich schief an, schüttelten den Kopf. Ich tat es trotzdem. Denn ich weiß am Besten, was gut für mich ist.

Das Schönste ist, dass auch meine Kinder meine Veränderung wahrnehmen. Sie finden mich übrigens nicht „verrückt“. Sie finden es klasse, egal was ich tue, solange ich Spaß dabei habe. Meine jüngere Tochter (20) sagte neulich zu mir: „Es ist so schön zu sehen, wie du immer mehr wieder zu dir zurück findest.“Und sie sah glücklich dabei aus und ich war es auch. Bin es.

Danke.

(Der tiefste Punkt und Ausbruch meiner schwersten Depression war Mitte 2005. Es war ein langer, harter Weg. Er lohnt sich.)

 

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9 Gedanken zu “Solange ich es nicht ausspreche, ist es nicht wahr oder wie ich wieder zu mir fand.

  1. Das, was dein Beitrag beschreibt, er trifft mich genau dort. Sich nicht erklären wollen. Auch nicht den eingeweihten Freunden. Die sollen sich doch nicht immer Sorgen machen. Ich will mir auch selbst keine Sorgen machen, nicht weiter bei mir nachbohren, weil: ich bin ja in Therapie. Check. Das geht dann ja schon von selbst voran. Ich bin erst am Anfang und denke oft, ich müsste doch mal bald fertig sein. Aber mir schwant, so geht das nicht. Und wenn ich bei dir von 3 Jahren lese, dann erschreckt es mich nicht einmal, sondern erleichert, dass es scheinbar doch ein langer Weg ist.
    Dein Beitrag macht mir Mut. Mut, dranzubleiben; aber auch all die schönen Sachen wieder aufzunehmen, die mich glücklich machten. (Ein merkwürdiges Wort. Glücklich.)
    Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg!

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    1. Zunächst vielen Dank für deine lieben Worte!

      Ich freue mich so sehr, dass mein Beitrag immer wieder Menschen erreicht und noch mehr, dass er helfen kann. Auch ich erlebe immer wieder Rückschläge, wenn es mir einfach zuviel wird, was auf mich einbricht. So wie im Moment. Aber ich habe es schon einmal geschafft und werde es wieder schaffen. Immer wieder. Ich hole mir mein Glück zurück und ich wünsche dir von ganzem Herzen die Kraft, das auch zu schaffen. Es fühlt sich so gut an und gibt so viel Energie. Gib dir die Zeit, die du brauchst. Alles Gute auch für dich! 🙂

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    1. Liebe Silbia,
      ich danke dir sehr!
      Es hängt sicher auch sehr viel von der Vorgeschichte, den Therapeuten und der Schwere der Erkrankung ab, ob es geht und wie lange es dauert. Ich möchte das bewusst nicht pauschalisieren, weil ich nur von mir ausgehen kann.
      Ich freue mich aber über jeden, der es schafft und wünsche allen ganz viel Kraft dafür.

      Liebe Grüße
      SW

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  2. Ein sehr guter Text. Ich finde es super, wie man so wie du ein Ziel erreicht bzw. den Weg dazu angeht. Ich habe auch viel für mich herausnehmen können. Denn ich stehe Momentan in einer entfernt ähnlichen Situation aber als aussenstehender. Mir wurde oft gesagt „Ich solle das thema wechseln, es spiele keine rolle. Ich empfand das als Abweisung, kein Vertrauen mehr zu mir usw. Dennoch lass ich auf sozialen Medien dann oberflächlich wie es der Person geht. Vielleicht eben desswegen, weil man dort nicht kommentieren muss warum es so ist.
    Für mich ist das absolut schwierig aber für diese person noch viel schwieriger. Das lese ich aus denem Text. Um so mehr man als aussenstehender gibt, um so mehr kommt ein gewisses blocken und von sich aus kam dann auch immer weniger gefühlvolles. Sehr sehr schwer zum nachvollziehen für mich. Aber nun sehe ich, dass es wohl wirklich nicht etwas ist, das nur die person oder ich erlebe sondern auch bei anderen genau gleich ist. Es hilft zum verstehen aber es ist sehr schwer das mit sich auszumachen. Geduld wird beiderseits viel bewirken aber in mir reist auch die Angst mir, dass eine wunderschöne Verbindung kaputt gehen könnte. Aber ich möchte damit auch kein Druck machen.
    Es hat sehr sehr viel geholfen, hier zu lesen. Danke! Glaube mir, ich freue mich sehr, dass du so schreiben kannst und von dir behaupten, dass es besser geht. Einfach toll!
    Vielleicht lese ich auch einmal, was man sich dann von aussenstehenden wünscht und nicht wünscht. Wie die trotzdem noch in Freundschaften „mitkommen“ dürfen oder ob Freundschaften generell zum scheitern verurteilt sind, da es für beide nicht tragbar ist.
    Mach weiter so, bleib bei dir, das wünsch ich dir und deiner Familie 🙂 Aber vorallem dir.

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    1. Vielen Dank für deine wunderbare Antwort. Ich freue mich immer sehr, wenn meine Texte auch ein bisschen weiterhelfen können. Das, was man sich vom Außenstehenden wünscht und nicht wünscht, ist sehr schwierig. 1. kann es sehr vielfältig sein und 2. heißt nicht immer, dass das, was man sich wünscht auch wirklich gut für einen ist. Einfach da sein, man muss gar nicht viel sagen und selber bei sich bleiben, sich nicht erpressen lassen, die Depression nicht „bedienen“ war für mich, das Beste, was man für mich tun konnte. Alles Gute auch für dich! LG

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