Wie balancieren auf einer Hängebrücke

So fühlt es sich zur Zeit an. Der Kampf um das innere Gleichgewicht.

Es ging zuletzt sehr lange gut. Mir ging es gut. Überwiegend. Dieses überwiegend ist sehr wichtig für mich. Denn dann habe ich genügend Zeit Kraft zu sammeln für die weniger guten Zeiten. Ich kann sie dann besser bewältigen. Sie fallen weniger ins Gewicht. In mein Gleichgewicht.Die Hängebrücke wackelt kurz, ich halte inne und gehe dann weiter. Ich habe dann die Kraft meine Höhenangst zu ignorieren und laufe einfach weiter. Das Wackeln kenne ich schon, man bekommt Übung darin es auszugleichen.

Doch dann gibt es die Phasen, in denen viele Menschen meine Hängebrücke betreten.

Menschen, die nichts von meiner Höhenangst wissen. Sie rennen, springen, schaukeln. Das ist ok. Das muss ich aushalten können. Ich kann dann sagen, bitte nicht so wild, ich habe Höhenangst. Ich brauche Ruhe zwischen dem Schaukeln.

Es gibt Menschen, die von meiner Höhenangst wissen. Sie betreten meine Brücke und straucheln selber. Die Brücke schwankt, ich schwanke. Man kann sich gegenseitig helfen. Ein Stück des Weges gemeinsam zurücklegen. Gegenseitiges Verständnis und Stützen ist so wertvoll.

Es gibt Menschen, die von meiner Höhenangst wissen. Die sie nicht verstehen. Die glauben, man könne sie einfach weglachen. Die glauben, sie müssten mir helfen sie zu überwinden in dem sie absichtlich die Hängebrücke ins Schaukeln bringen. Sie rufen „Schau doch, passiert doch gar nichts!“ Sie sehen die Angst in meinen Augen nicht, sehen nicht, wie ich innerlich und evtl. auch äußerlich zittere. Sie rufen weiter: „Lach sie aus! Wenn die Angst kommt, stell dir mein Gesicht vor, wie ich sie gerade auslache und dann lache mit!“ Und mir ist so gar nicht nach lachen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich möchte, dass sie aufhören mit dem Schaukeln. Sie zerstören damit mein Vertrauen in sie. Das nächste Mal werde ich vorsichtiger sein, wenn sie auf meine Brücke wollen. Und manchmal betrete ich die Brücke nie mehr, wenn sie in der Nähe sind und überlege mir sehr genau, wem ich von meiner Höhenangst erzähle und wen ich auf meine Brücke lasse.

Ich habe ihnen erzählt, wie ich gegen diese Angst kämpfe, schon viele Jahre. Ich habe meinen Weg gefunden, die Angst zu bekämpfen. Manchmal geht es ihnen nicht schnell genug. Weil ich nicht so funktioniere, wie sie es gerne hätten. Meine Angst, stört ihren Ablauf.

Doch es gibt auch einige wenige Menschen, die um meine Angst wissen und sich vorsichtig auf meiner Hängebrücke bewegen, die nicht hüpfen und springen und meine Angst ignorieren. Die sehen, dass ich meinen eigenen Weg gefunden habe. Die sehen, dass sie mich nicht antreiben müssen, sondern wissen, dass ich meinen Weg schon gehe. Die Vertrauen in mich haben, dass ich das schon richtig mache, wie ich das mache. Das sind die Menschen, die es schaffen, dass ich das Gleichgewicht auf der Brücke von alleine wiederfinde. Die Selbstvertrauen durch Vertrauen schaffen.

Ich brauche keine Menschen, die meine Hängebrücke für mich anhalten. Nur welche, die meine Hängebrücke nicht rücksichtslos oder absichtlich ins Wanken bringen, schon gar nicht dann, wenn ich sowieso schon schwanke.

Meine Depression, die sich bisweilen anfühlt, wie eine mehr oder weniger stark schwankende Hängebrücke, auf der ich versuche das Gleichgewicht zu halten.

Vielleicht hilft dieser Vergleich etwas mehr zu verstehen, wie ich mit meiner Depression umgehe und wie sie sich anfühlt.

Ich gehe dann mal weiter. Auf meiner Hängebrücke. Gehen Sie doch ein Stück mit mir, wenn Sie mögen.

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2 Gedanken zu “Wie balancieren auf einer Hängebrücke

  1. “Weil ich nicht so funktioniere, wie sie es gerne hätten. Meine Angst stört ihren Ablauf.”

    Und immer die Überheblichkeit derer, die keine Ahnung von Deinem oder meinem Erleben haben (wollen, obwohl sie darum wissen) – manchmal wünsche ich ihnen nicht Schlechtes, aber für zwei Stunden das, wa ich in meinen schlimmsten Zeiten aushalten muß …

    Gefällt 1 Person

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