Wenn die Depression sich meldet

Heute habe ich bei @der_emil diesen Tweet und den dazugehörigen Blog gelesen.

Das erinnerte mich an die Frage, die mir vor ein paar Tagen gestellt wurde, ob dadurch, dass sich meine Depression vor ein paar Wochen wieder in heftiger Form zeigte, alle Zeit der Veränderung, der Besserung umsonst waren. Zugegeben eine sehr gute Frage, bei der ich für die Beantwortung auch etwas Zeit zum überlegen brauchte.

Bei mir war sie nicht umsonst. Denn alles was ich gelernt habe in den letzten 11 Jahren, ist ja noch da und ich kann es auch anwenden. Es löscht die depressive Phase nur nicht aus. Es wirkt ihr entgegen und das ist harte Arbeit und braucht Zeit und Geduld.

Der oben genannte Blogbeitrag erinnerte mich daran, wie es mir in den ersten Jahren des Ausbruchs meiner schweren Depression ging. Ich hörte nur noch schwere und traurige Musik. Weltuntergangsstimmung quer Beet. Ich löschte Accounts, Profilbilder. Ersetzte sie durch ein komplett schwarzes Bild. Ich ließ mich tagelang nicht online blicken. Diese Reaktionen ersetzten ein wenig den Wunsch danach mich selbst auszulöschen und damit den Seelenschmerz, der kaum auszuhalten war. Es war auch ein Aufschrei. Ein Hilferuf. Der Wunsch, dass jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Denn aussprechen konnte ich das nicht. Ich hatte es nie gelernt über meine Gefühle zu sprechen oder um Hilfe zu bitten. Außerdem hätte ich auch nicht gewusst, wie mir jemand helfen sollte. Die Depression kann mir niemand abnehmen. Darum bitten, dass einfach jemand bei mir ist und mich hält? Das hätte ich niemals getan. Es wäre mir vorgekommen, als würde ich die Zeit eines anderen vergeuden. Bloß keine Last sein. Meine oberste Priorität. Da sich auch niemand von selber anbot, erübrigte sich der Gedanke.

Heute ist das Gefühl der Depression und des Seelenschmerzes zwar immer noch das gleiche, wie ich mit der Situation umgehe ist jedoch eine völlig andere. Ich treffe möglichst keine Entscheidungen in dieser Zeit. Es sei denn, sie sind für mein Wohlbefinden von größter Wichtigkeit. Ich lösche keine Profile mehr, ändere keine Fotos. Ich ziehe mich zurück, gönne mir in der privaten Zeit Ruhe. Davon brauche ich dann sehr viel. Ich erlaube mir die Dinge, die mir gut tun ohne jemand anderem zu schaden. Ich beriesele mich mit Fernsehserien, Filmen, Dokus. Nur nichts schweres. Leichte Kost. Etwas, das den Strom meines Gedankenkarussells unterbricht. Ablenkung von der Depression ist nicht automatisch wegsehen. Doch mein Kopf braucht diese Pausen. Am wohlsten fühle ich mich dann zu Hause. Allein. In meiner Wohlfühloase. Außer meinen Katzen ist niemand da. Niemand, der mich hilflos ansieht. Niemand der mich beobachtet. Niemand dem ich Rechenschaft ablegen muss darüber, wann ich aufstehe, wann ich frühstücke, wann ich mich wasche und anziehe. Niemand, den ich mit meiner Depression belasten könnte. Alles geht nach meinem Rhythmus. Wenn es wieder besser geht, kann ich mich mit mehr beschäftigen. Manchmal lesen, Musik hören. Lesen konnte ich jahrelang überhaupt nicht oder wenn, dann nur für andere. Vorlesen, das ging und machte mir Spaß. Je besser es mir wieder geht, umso aktiver werde ich auch. Dann schaffe ich es zum Sport oder unter Menschen. Besuche Freunde oder mit ihnen Konzerte. Am liebsten sind mir jedoch grundsätzlich kleine Gruppen. Drei bis vier Leute um mich. Das ist das maximale. Alles andere kostet jede Menge Kraft und ich isoliere mich dann automatisch.

Ich weiß heute, wenn es bergab geht, dass es auch wieder bergauf geht. Ich halte das aus. Ich muss da durch. Das ist mir bewusst.

Es gibt Tage, da wache ich auf und bin tieftraurig. Wenn ich frei habe, liege ich da so 1 – 2 Stunden. Spätestens dann machen die Katzen Radau weil sie Hunger haben. Wenn ich dann einmal auf bin geht es. Dann komme ich durch den Tag. Wenn ich es nicht zum einkaufen schaffe, esse ich eben das, was da ist. Irgendwas ist immer da. Mir reicht das. Verhungern werde ich so schnell nicht. Ich sehe das positiv. So werden mal Lebensmittel aufgebraucht, die sonst nur schlecht werden. Ich möchte auch gar nicht mehr, dass das jemand für mich übernimmt. Das ist meine Verantwortung. Es wäre auch nicht gut, das abzugeben. Das würde mich nur dazu verleiten mich durchhängen zu lassen.

Durch diese erlernten Verhaltensmuster geht es schneller wieder bergauf. Es dauert, solange wie es eben dauert mit dem Wissen, auch diese Phase geht vorüber.

 

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6 Gedanken zu “Wenn die Depression sich meldet

  1. Vielen Dank für diesen Text. Er hilft mir gerade mehr als ich ausdrücken kann. Ich möchte mir in Zukunft mehr vor Augen führen, dass nicht alles, was ich bisher an Positivem gelernt habe, durch eine neue Episode, einen Rückschlag, verloren geht. Denn ich gerate da viel zu schnell in Panik und gebe mich geistigen Blackouts hin.

    Hänge geblieben ist bei mir auch der Satz: „Ich treffe möglichst keine Entscheidungen in dieser Zeit. Es sei denn, sie sind für mein Wohlbefinden von größter Wichtigkeit.“ Ich hätte in meiner ersten mittelschweren Episode fast eine Entscheidung getroffen, die mein Leben bis dahin sehr verändert hätte und das aus den falschen Beweggründen. Nach einer recht zeitnahen Therapie habe ich zwar die gleiche Entscheidung als Endprodukt gehabt, aber aus anderen Gründen und einem völlig anderen Weg dorthin. Meine Motivation war statt Angst eine verantwortungsvolle Entscheidung für mein Wohlbefinden.

    Danke nochmals für deinen Text! 🙂

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    1. Hallo 🙂 Vielen Dank für deine liebe Antwort!
      Auch mir ging es am Anfang so, dass ich bei Rückschlägen dachte, alles sei verloren oder es könnte wieder so schlimm werden wie beim 1. Ausbruch. Über die vielen Jahre habe ich jedoch festgestellt, dass das Erlernte bleibt und ich mich viel schneller erhole oder sogar inzwischen manchmal den ganz tiefen Sturz abfangen kann.

      Es freut mich sehr, wenn ich dir damit helfen konnte. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute und ganz viel Kraft!

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  2. Dieser Text zeigt eine gewisse Stärke, die heutzutage leider unterschätzt wird. Es kann alles funktionieren, die Frage ist halt der Preis und ob es für einem Wert ist, es durchzuziehen. Ich drücke dir weiterhin die Daumen, dass du deinen Weg weiter beschreiten kannst. 😉

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  3. „Ich weiß heute, wenn es bergab geht, dass es auch wieder bergauf geht. Ich halte das aus. Ich muss da durch. Das ist mir bewusst.“

    Das ist ein Wissen, das ich heute sehr genieße, auch dieses Vertrauen in mich. Es bringt mir Ruhe und gibt mir Kraft auch in dunkleren Zeiten „einigermaßen“ gelassen zu bleiben.

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