Übers Kämpfen, Verlieren und dass das alles völlig normal ist. Wenn man keine Depressionen hat.

Wer hat nicht schon mal an sich gezweifelt?
Wer hat nicht schon mal einen Kampf verloren?

Ich habe schon um vieles gekämpft und oft verloren. Vermutlich lag es manchmal daran, dass ich um das Falsche kämpfte. Wer weiß, vielleicht war es sogar gut, dass ich den Kampf verlor, auch, wenn es sich ganz sicher erst einmal nicht so anfühlte. Die Selbstzweifel waren groß. Ich war nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht hübsch genug, nicht interessant genug, nicht stark genug, nicht fröhlich genug, einfach nicht genug.

Das Ganze kann man hervorragend auf die Spitze treiben. Schließlich kann man bei sich selbst das Messer am besten ansetzen. Man kennt sich ja gut genug und weiß, wo es so richtig weh tut. Weh tun ist oft ein altbekanntes Gefühl. Die Depression ist dabei ein hervorragender Helfer. Sie wartet bloß auf diese schwachen Momente um sich darauf zu stürzen. Einem das Gefühl von Versagen einzureden. Sie steuert die Gedanken, die Gefühle und wenn es ganz schlimm kommt, auch die Taten. Alles wird verstärkt. Die Trauer, die Wut, Hass gegen sich selbst, Verachtung über das eigene Versagen, nichts richtig machen zu können, das ganze Gefühlsleben gerät aus den Fugen. Wenn die Gefühle einen dann so überschwemmen, dass man sie nicht mehr aushält, rettet man sich in die Gefühllosigkeit. Starrt nur noch vor sich hin, bekommt nichts mehr mit. Tunnelblick. Jeder Einfluss von außen überfordert. Das Denken wird möglichst abgeschaltet. In diesem Stadium ist man zu den einfachsten Dingen nicht mehr fähig. Ein Einkaufszettel überfordert schon. In den Supermarkt gehen und einkaufen wird unmöglich.

Diese Gedanken sucht man sich nicht aus. Sie sind da und sie haben einen Ursprung. Irgendwo. Mit etwas Glück findet man Therapeuten, die einen in die richtige Richtung lenken. Die einen Ernst nehmen.  In meinem Fall haben mir Medikamente erst einmal das Leben gerettet. Drei Jahre habe ich sie genommen. Dann hatte ich das Gefühl stark genug zu sein, sie abzusetzen.

Doch was mindestens genauso wichtig war, war ein Freund. Jemand, der mir – sehr unaufgeregt – immer wieder wenn meine Gedanken in diese falsche Richtung gelenkt wurden, zeigte, dass ganz viele Menschen solche Probleme haben. Oft denkt man ja, andere kriegen das alles locker hin. Die haben ihr Leben im Griff.

Haben sie nicht unbedingt. Es fällt nur nicht so auf. Die Menschen sprechen selten über ihre kleinen oder großen Niederlagen. Sie haben keine Depressionen. Sie haben gelernt, dass Niederlagen etwas Normales sind. Dass es nicht an einem persönlich liegen muss, wenn etwas nicht klappt. Sondern dass das einfach passiert. Jedem Menschen. Das gehört zum Leben dazu. Sie haben gelernt an Dingen Spaß zu haben, ohne dass sie perfekt sein müssen. Sie haben gelernt, dass eine Niederlage kein persönlicher Weltuntergang ist. Sie können trauern um z. B. eine verlorene Beziehung ohne sich immer selbst die Schuld für alles zu geben. Es gibt nicht immer einen Schuldigen. Meist sind es zwei, manchmal ist es auch keiner. Dann passte es einfach nicht. Gefühle kann man nicht erzwingen.

Obwohl ich die Depression inzwischen soweit bekämpft habe, dass ich ein recht normales Leben führen kann, ist es ein ständiger, kraftraubender Kampf nicht in alte Muster zu verfallen. Es ist so schön, wenn es gut läuft. Ein tolles Gefühl sich begehrenswert zu fühlen, gemocht, beliebt, glücklich. Diese Gefühle möchte man dann festhalten, weil man sie so lange entbehren musste. Man möchte die Zeit anhalten, damit das Gefühl nie mehr geht. Doch so geht Leben nicht. Leben ist ein Auf und Ab zu dem Trauer gehört. Das Leben ist auch sterben. Menschen müssen gehen, viel zu früh, die einem viel bedeutet haben. Sehr viel. Das sind Momente, in denen die Depression lauert. In denen ich mir immer wieder sagen muss, dass es normal ist. Dass ich es akzeptieren muss. Dass es weiter geht. Stabilität wäre dann schön. Doch auch das gibt das Leben nicht immer her. Ein hässliches Sprichwort sagt: Ein Unglück kommt selten allein. Statt Stabilität gibt es Ärger, Streit, der einem doppelt schlimm vorkommt in dem Moment.

Die Trauer annehmen, als etwas Normales. Und alles was zur gleichen Zeit passiert ebenfalls annehmen. Jedes für sich. Einzeln. Das ist nicht leicht. Kostet Kraft. Kostet Tränen. Aber es ist zu schaffen und es wird auch wieder besser. Wenn man es zulässt. Ich bin bereit, diesen Kampf zu kämpfen. Immer und immer wieder. Weil es sich lohnt. Weil ich leben möchte. Weil ich etwas erleben möchte. Das Leben spüren möchte, mit allem was dazu gehört. Ich will raus aus der Opferrolle und lenke mein Leben selbst, soweit es möglich ist.

Ich habe den ersten Kampf gegen die Depression gewonnen, als ich aufhörte gegen sie zu kämpfen und sie annahm. Als ein Teil von mir.

Und jetzt, nehme ich das Leben an. Stück für Stück.

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5 Gedanken zu “Übers Kämpfen, Verlieren und dass das alles völlig normal ist. Wenn man keine Depressionen hat.

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