Depression in Samthandschuhen

Inspiriert zu diesem Text hat mich u. a. ein Gespräch mit @daunenhart  und sein Video zu dem Thema „Depression und die anderen“. Wir sind auch nicht immer einer Meinung aber gerade das macht die Gespräche interessant und ermöglicht eine andere Sicht auf die Dinge. Deshalb lohnt es sich auch Menschen zuzuhören, die anderer Meinung sind als man selbst. An dieser Stelle mal ein fettes Danke an dich für den respektvollen Austausch!

 

In der letzten Zeit stößt mir vermehrt ein bestimmtes Verhalten auf.

Ich spreche jetzt hier nicht von Ausnahmen. Von den Schwankungen, denen man in einem Depressionsschub ausgesetzt ist. Den Momenten, in denen die Krankheit die Sicht verzerrt. Die Wahrnehmung gestört ist. Man die Dinge gar nicht so wahrnehmen kann wie sie tatsächlich sind.

Für all das habe ich reichlich Verständnis. Ich weiß selber noch zu gut, wie das im schlimmsten Fall war und erlebe das auch heute noch in Schüben.

Was ich meine, sind Menschen, die über Jahre kontinuierlich Verständnis von Nicht-Kranken erwarten. Verständnis für ihr eigenes verletzendes Verhalten, Verständnis dafür, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste verbal um sich schlagen. Dass einige jedes noch so schlechte Verhalten damit entschuldigen, dass sie ja krank sind.  Die nicht bereit sind, das gleiche Verständnis den Nicht-Kranken entgegenzubringen. Wo bitte bleibt das Verständnis für die Nicht-Depressiven, die Gesunden, die sich interessieren, die sich Mühe geben, die gerne verstehen würden?

Ich finde das nicht richtig!

Ich habe auch Fehler gemacht und mache sie noch. Wie alle Menschen. Und ja, einige dieser Fehler waren der Krankheit geschuldet. Depression macht ungerecht. Aber man durfte es mir sagen und ich war mir dessen bewusst. Nicht immer sofort aber wenn, dann konnte ich mich auch entschuldigen. War nicht immer toll und manche Träne floss da auch bei mir. Aber ich brauchte die sachliche Ehrlichkeit  um mich weiter zu entwickeln (ein „Heulsuse“ ist nicht ehrlich sondern absichtlich verletzend und unsachlich). Samthandschuhe bedeuten Stillstand. Ich brauchte und brauche die Spiegel immer noch. Ich wollte normal, also respektvoll und ehrlich, behandelt werden. Woher sollte ich sonst wissen, wann ich mich falsch verhielt? Mir ist klar, dass ich nicht der Maßstab aller Dinge bin aber ich finde, dieses zusammenrotten von Betroffenen um verbal einzuschlagen auf jeden, der nicht immer sofort die richtige Handlungsweise und Reaktion parat hat, der nicht jeden Depressiven in Watte packt, einfach falsch. Man kann nicht immer Respekt erwarten und sich selber respektlos verhalten.

Ist es sinnvoll, sich zu beschweren, dass „niemand“ einen versteht, wenn man nicht bereit ist, zu erklären was mit einem los ist? Ist es sinnvoll, sich in Watte packen zu lassen, so dass niemand sich mehr traut einem auch mal die Wahrheit zu sagen, weil es dem Kranken dann ja noch schlechter geht? Ist das Sinn der Sache? Ich denke, nein!

Verständnis funktioniert nur in beide Richtungen! Egal ob depressiv oder nicht!

Dabei spricht mir dieser Tweet von gestern mehr als aus dem Herzen und war längst überfällig:

Mir ist es mehrfach passiert, dass wenn ich äußerte, dass zu den meisten zwischenmenschlichen Dingen Zwei gehören. Nämlich einer der macht und einer, der mit sich machen lässt*, Halleluja, da hörte ich nicht nur einmal, dass ich damit die Opfer zu Tätern mache.

Nein verdammt!

Es geht um Eigenverantwortung. Es geht hier nicht um Opfer von Gewalttaten, egal welcher Art von Gewalt! Es geht mir um das ganz normale tägliche Miteinander. Hört auf, mir und anderen das Wort im Mund umzudrehen und fangt an, genauer hinzusehen. Wenn euch immer wieder dasselbe passiert, nämlich dass Menschen euch ausnutzen, schlecht behandeln, dann fragt mal nach der Auswahl, die IHR auch trefft. Darum geht es. Dass es scheiße ist, wenn Menschen andere ausnutzen steht außer Frage. Es geht doch darum, wie IHR euch schützen könnt.

Ja, mir ist das auch alles passiert und ja, ich habe auch meine Zeit gebraucht, bis ich das erkannte. Aber ich hab zugehört. Ich habe mich hinterfragt, manchmal zu intensiv. Auch das kenne ich. Aber man kann sich nur nach vorne bewegen, wenn man aus der Opferrolle rauskommt und aufhört zu denken, man könnte dagegen nichts tun.

Natürlich kostet das Kraft. Kraft, die man nicht immer hat. Und damit bin ich schon beim nächsten Punkt.

JEDER, der bereit ist auch nur ein Stückchen auf andere zuzugehen, hat auch jemanden um sich, der einen mag. Und wenn es nur einer ist, der sich sorgt, der sich bemüht, der ab und zu fragt, wie es einem geht. Es spielt keine Rolle wie viele es sind. Wichtig ist, dass es einer tut. Dann sagt bitte nicht, NIEMAND mag mich, NIEMAND vermisst mich, nur weil es nicht der ist, den ihr am liebsten haben wollt. Das verletzt! Ihr wollt doch auch nicht verletzt werden, dann hört damit auf! Schaut genau hin, ob da nicht doch jemand ist. Wenn da einer ist, dann wisst ihn zu schätzen.

Natürlich ist es gerade große Mode, besonders auf Twitter, sich nicht mehr zu „verstellen“. Alles rauslassen. Alle Gefühle. Ohne Rücksicht auf Verluste wird rausgehauen was einem in den Kopf kommt. Da gehört, dass erzählt wird, wann man welches Geschäft erledigt noch zu den kleinsten Übeln. (too much information)

MAL hab ich da gar kein Problem mit. Jeder hat mal einen schwachen Moment. Raus damit. Aber ständig? Man muss nicht ständig Haltung bewahren, das macht auch nur einen verspannten Nacken. Aber ein bisschen wäre schon schön. Ich finde es nicht toll, lesen zu müssen „Ich hasse alle Menschen. Menschen sind alle scheiße.“ Da freu ich mich doch! Hurra, ich bin ein Mensch und liebe es wenn man mich hasst. Erwartet ihr das ernsthaft? Erwartet ihr, dass man euch bedingungslos Liebe oder Zuneigung entgegenbringt, wenn ihr im Gegenzug hasst? Am meisten lese ich diesen Satz von Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie besonders einsam sind. Verrückt oder? Verrückt und traurig. Es sind nicht alle Menschen scheiße. Ich kenne einige ganz wunderbare Menschen. Persönlich. Sie sind genauso wenig unfehlbar wie ich. Menschen eben. Aber sie haben grundsätzlich ein gutes Herz. Darum geht es doch oder? Angenommen werden wie man ist. Warum dann nicht andere auch so annehmen? Das bedeutet nicht, dass man alles akzeptieren muss aber auch nicht, dass direkt alles schlecht ist.

Ich sehe zu, wie Menschen von einem Extrem ins andere verfallen.

Von: Den ganzen Tag die Maske auf und lächeln

zu: Ich kotze mich in einer Tour aus und lasse jeden Gedanken ungefiltert raus.

Vielleicht ist das manchmal nötig, um dann den Mittelweg zu finden. Das ist ok. Vorübergehend. Aber dann muss es gut sein.

 

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

*Der Satz „Es gehören zu allem zwei. Einer der macht und einer der mit sich machen lässt.“ stammt von meiner  1. Therapeutin. Sie sagte mir das in der 1. Therapiestunde: „Und SIE haben das alles mit sich machen lassen!“ Das tat weh aber scheiße, sie hatte recht! Aber sowas von!

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Ein Gedanke zu “Depression in Samthandschuhen

  1. Hm. So einen Satz hatte ich von meiner Therapeutin auch gehört. Ich fragte dann zurück, was sie an meiner Stelle getan hätte, in der Situation in der ich steckte. Stille. Ich bin gegangen, als es Mittel und Wege gab. Zuvor war es nicht möglich. Da gab es ein klares Machtgefälle, und ich hatte das kleinere Übel gewählt. Wovon ich spreche? Von der Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern. Man kann es übertragen auf jegliche Abhängigkeitsverhältnisse, an einen Job, der unglücklich macht, zum Beispiel. Auch da ist es eine Frage des richtigen Timings, sich zu wehren oder zu gehen. Dann aber wirklich. Da stimme ich dir zu. Doch ich finde, es gehört auch zur Eigenverantwortung, die Situation realistisch einzuschätzen und nicht kamikazeartig zu kämpfen, so lange es keine wirkliche Chance oder Alternative gibt. Und sich im Nachhinein sein Unvermögen auch zu verzeihen. Zur Depression : Um Gottes Willen keine Samthandschuhe, meine ich, als selbst Betroffene. Ein ganz normales, authentisches Umfeld ist der einzige Ort, an dem ich mich ernst genommen fühle, und langsam wieder einen klaren Blick bekommen kann. Alles andere empfinde ich als falsch und unterdrückend. Dann bin ich ja wieder in der Kinderrolle! Nein. Schlimmer geht es nicht.

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