„Das hat dir alles deine Therapeutin eingeredet…“

… war eine der Erklärungen, die mein inzwischen geschiedener Ehemann dafür fand, dass ich die Trennung wollte.

Er hätte es besser wissen müssen, wie viele Gründe – über die ich hier nicht näher eingehen möchte – es dafür tatsächlich gab. Und doch verstehe ich ihn heute. Wie viel diese Aussage von ihm über ihn, über mich und über das Bild aussagte, das er von mir hatte, begriff ich erst Jahre später.

Tatsächlich hatte meine Therapeutin recht wenig mit dieser Entscheidung zu tun. Ich wusste dass dieser Weg unausweichlich war, als sie noch von Familien- bzw. Paartherapie sprach. Sie traf keine Entscheidungen für mich und legte mir auch keine in den Mund. Sie lehrte mich lediglich überhaupt Entscheidungen zu treffen. Nicht anderen die Entscheidungen über mein Leben zu überlassen um mich anschließend darüber zu beklagen, dass es nicht die richtigen waren. Sie lehrte mich, selber Entscheidungen zu treffen, die zur Abwechslung mal für mich gut waren. Dass Er das nicht verstehen konnte, ist heute für mich nachvollziehbar. Hatte er mich doch völlig anders kennengelernt. Mehr als 20 Jahre vorher. Ich habe zwar Wünsche geäußert, sie jedoch sehr sehr selten durchgesetzt. Somit überließ ich ihm sicher 98% aller Entscheidungen. Er sollte mich ja lieb haben. Ich hatte schon in meiner Kindheit gelernt, dass das so funktionierte. Von klein auf. Ich mache, was von mir verlangt wird, störe nicht, bin da wenn man mich braucht und ansonsten unsichtbar, dafür hat man mich lieb. Dachte ich. War aber nicht so. Es sorgte nur dafür, dass es nicht schlimmer wurde, den Unterschied kannte ich aber als Kind nicht. Deshalb konnte ich auch nicht fühlen, dass ich geliebt wurde. Extrem bekam ich das zu spüren, wenn ich versuchte mich zu wehren. Erst als meine Gefühle soweit „zerstört“ waren, dass es mir egal war, ob er mich liebt und was er von mir denkt, konnte ich diese Entscheidung treffen, war ich nicht mehr die brave Ehefrau, die bereit war alles zu tun, nur um nicht verlassen zu werden, Streit zu vermeiden.

Wenn man plötzlich anfängt auf sich zu achten, Grenzen zu setzen, Widerworte zu geben, eine klare Meinung auszusprechen, reagiert das gewohnte Umfeld mit Unverständnis, vor allem dann, wenn sie dadurch plötzlich benachteiligt werden.

„Was ist denn mit der plötzlich los?“
„Der bekommt wohl die Therapie nicht!“
„Was machen die da mit der?“
„Die ist aber komisch (herzlos, kalt, egoistisch etc.) geworden.“

Als ich drei Jahre nach der Trennung in eine psychosomatische Kur fuhr, um die Psychopharmaka abzusetzen, neu durchzustarten, sagte meine Mutter vor der Abfahrt zu mir: „Ich hoffe, du bist danach wieder die Alte.“

Damals hat mich das sehr verletzt. Sie hat NICHTS verstanden, ging mir schmerzhaft durch den Kopf. Wusste sie nicht, dass genau das, so wie ich damals war, so wie sie mich wiederhaben wollte, dass es genau das war, was dazu führte, dass ich krank wurde?

Nein, wusste sie nicht. Ihr ging es darum, dass sie ihr braves Mädchen wieder bekam, das sie immer noch in mir sah. Die Tochter, die sie gewohnt war und mit der sie besser zurecht kam. Ich war ihr plötzlich fremd. Doch die Tochter, die sie kannte, gab es so nicht mehr. Natürlich habe ich mich nicht vollständig verändert. Im Kern bin ich immer noch dieselbe Person. Zusätzlich mit Grenzen, mit einem klaren Willen. Klarer, als vielen lieb ist, die mich so nicht kannten. Die Austeilen konnten ohne mit einem Echo rechnen zu müssen. Ich habe still gelitten. Opferrolle. Für mein Umfeld bin ich heute eine völlig andere. Sie sehen nur, was bei ihnen ankommt, was ja normal ist.

Ich mag den (sicher oft gut gemeinten) Spruch „Bleib so, wie du bist.“, nicht mehr. Schöner finde ich: Ich mag dich, wie du bist.

Man verändert sein Verhalten, nicht seine komplette Persönlichkeit. Manchmal gilt es, genau die in der Therapie zu finden. Ich habe viel abgelehnt was ich von meiner Mutter kannte. Nur nicht so werden wie sie. Ich war so besessen davon, dass ich gar nicht mehr wusste, ob ich etwas ablehne, weil ich es von ihr kenne oder weil ich es wirklich nicht mag. Darauf gekommen bin ich übrigens nicht in der Therapie. Sie hat mir nur die Möglichkeit gegeben, mich zu reflektieren. Oft waren es völlig normale Situationen, die mir ein Aha-Erlebnis bescherten. Ein Gespräch über alles mögliche, irgendetwas, das ich sah. U.a. war es ein Film mit Julia Roberts (Die Braut, die sich nicht traut). Dort gibt es eine Szene, in der sie ausprobiert, wie sie ihr Ei mag. Weich oder hart gekocht, Rührei, Spiegelei … Sie hatte ihr Ei immer so gegessen, wie ihre Partner sie aßen. Sie aß irgendwelche Cornflakes, weil sie wusste, dass ihre Mutter das hasste und stellte fest, eigentlich mochte sie die gar nicht. Nein, ich hatte so etwas nicht getan aber als ich diese Szene sah, war das wie ein Schlüsselmoment.

Mache ich etwas aus Trotz, bin ich nicht frei in meiner Entscheidung.

Es geht darum, herauszufinden, was man für sich selbst will und dieses Ziel in einem gesunden Maß zu verfolgen.

Und: Warum will ich es? Weil ich jemandem gefallen will? Weil es mich weiter bringt und gut für mich ist? Weil ich jemandem eine Freude damit machen will? Egal warum, aber entscheide bewusst.

Bis sich das richtige Maß von Abgrenzung und gesundem Egoismus eingependelt hat, vergeht eine lange Zeit. Eine Zeit der Selbstfindung voller Rückschläge und Überreaktionen. Das war eine schwere Zeit. Für mich und auch für mein Umfeld. Von den wenigen Freunden von damals blieb keiner übrig. Das ist ok. Mit meiner Kindheit, der Zeit meiner Ehe habe ich Frieden geschlossen und wunderbare Menschen kennengelernt. Alles hat seine Zeit. Ich habe meine und die ist JETZT.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

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15 Gedanken zu “„Das hat dir alles deine Therapeutin eingeredet…“

  1. Liebe silent write, Deinen Artikel hat ein guter Kontakt auf twitter geteilt . Ich finde, es ist eine schöne Beschreibung vom „Weg zu sich selbst“. Und der Satz „das hat Dir alles Deine Therapeutin eingeredet, “ hat für mich so was heiteres , was ich schätze. Herzlichen Gruß von mir

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  2. S eine ähnliche Situation hatte ich auch in meinem Leben, verbloggt in meinem ersten Thema (offener Brief an meine Mutter). Leider verstehen manche Menschen nicht, dass zu sich selber finden auch etwas Egoismus gehört und dass das nicht heißt, dass man anderen weh tun will. Die Dringlichkeit der Tat wird nicht verstanden. (https://strongpassionweb.wordpress.com/2017/10/05/erster-blogbeitrag/)

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  3. Auch von mir ein großes Danke. Ich finde mich sehr wieder in deinem Text, nur dass ich noch ganz am Anfang des Lernprozesses bin. Hängen geblieben sind auch diese Zeilen: „Ich mag den (sicher oft gut gemeinten) Spruch „Bleib so, wie du bist.“, nicht mehr. Schöner finde ich: Ich mag dich, wie du bist.“ –> Toll! 🙂

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  4. Ach, Du schreibst so wunderbar klar über all das und — das fällt mir besonders auf — so ohne Bitterkeit und … und Traurigkeit, ja, auch ohne die (oder ich vermag beides in diesem Text nur nicht zu erkennen). Mir ist eine Trauer gelieben, eine Trauer wegen der vielen nicht funktionierenden Dinge in meinem Leben; und in jeder Betrachtung meines Lebens die noch immer eine Rolle …

    Viel Glück weiterhin wünsch ich Dir.

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    1. Lieber Emil,
      ich danke dir sehr für deine Worte. Die Bitterkeit habe ich tatsächlich abgelegt, ein Rest Traurigkeit ist mir jedoch auch geblieben, denn auch bei mir funktioniert noch lange nicht alles so, wie ich es mir wünsche aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

      Auch dir wünsche ich viel Glück für deinen weiteren Weg!

      Gefällt 3 Personen

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