„Das hat dir alles deine Therapeutin eingeredet…“

… war eine der Erklärungen, die mein inzwischen geschiedener Ehemann dafür fand, dass ich die Trennung wollte.

Er hätte es besser wissen müssen, wie viele Gründe – über die ich hier nicht näher eingehen möchte – es dafür tatsächlich gab. Und doch verstehe ich ihn heute. Wie viel diese Aussage von ihm über ihn, über mich und über das Bild aussagte, das er von mir hatte, begriff ich erst Jahre später.

Tatsächlich hatte meine Therapeutin recht wenig mit dieser Entscheidung zu tun. Ich wusste dass dieser Weg unausweichlich war, als sie noch von Familien- bzw. Paartherapie sprach. Sie traf keine Entscheidungen für mich und legte mir auch keine in den Mund. Sie lehrte mich lediglich überhaupt Entscheidungen zu treffen. Nicht anderen die Entscheidungen über mein Leben zu überlassen um mich anschließend darüber zu beklagen, dass es nicht die richtigen waren. Sie lehrte mich, selber Entscheidungen zu treffen, die zur Abwechslung mal für mich gut waren. Dass Er das nicht verstehen konnte, ist heute für mich nachvollziehbar. Hatte er mich doch völlig anders kennengelernt. Mehr als 20 Jahre vorher. Ich habe zwar Wünsche geäußert, sie jedoch sehr sehr selten durchgesetzt. Somit überließ ich ihm sicher 98% aller Entscheidungen. Er sollte mich ja lieb haben. Ich hatte schon in meiner Kindheit gelernt, dass das so funktionierte. Von klein auf. Ich mache, was von mir verlangt wird, störe nicht, bin da wenn man mich braucht und ansonsten unsichtbar, dafür hat man mich lieb. Dachte ich. War aber nicht so. Es sorgte nur dafür, dass es nicht schlimmer wurde, den Unterschied kannte ich aber als Kind nicht. Deshalb konnte ich auch nicht fühlen, dass ich geliebt wurde. Extrem bekam ich das zu spüren, wenn ich versuchte mich zu wehren. Erst als meine Gefühle soweit „zerstört“ waren, dass es mir egal war, ob er mich liebt und was er von mir denkt, konnte ich diese Entscheidung treffen, war ich nicht mehr die brave Ehefrau, die bereit war alles zu tun, nur um nicht verlassen zu werden, Streit zu vermeiden.

Wenn man plötzlich anfängt auf sich zu achten, Grenzen zu setzen, Widerworte zu geben, eine klare Meinung auszusprechen, reagiert das gewohnte Umfeld mit Unverständnis, vor allem dann, wenn sie dadurch plötzlich benachteiligt werden.

„Was ist denn mit der plötzlich los?“
„Der bekommt wohl die Therapie nicht!“
„Was machen die da mit der?“
„Die ist aber komisch (herzlos, kalt, egoistisch etc.) geworden.“

Als ich drei Jahre nach der Trennung in eine psychosomatische Kur fuhr, um die Psychopharmaka abzusetzen, neu durchzustarten, sagte meine Mutter vor der Abfahrt zu mir: „Ich hoffe, du bist danach wieder die Alte.“

Damals hat mich das sehr verletzt. Sie hat NICHTS verstanden, ging mir schmerzhaft durch den Kopf. Wusste sie nicht, dass genau das, so wie ich damals war, so wie sie mich wiederhaben wollte, dass es genau das war, was dazu führte, dass ich krank wurde?

Nein, wusste sie nicht. Ihr ging es darum, dass sie ihr braves Mädchen wieder bekam, das sie immer noch in mir sah. Die Tochter, die sie gewohnt war und mit der sie besser zurecht kam. Ich war ihr plötzlich fremd. Doch die Tochter, die sie kannte, gab es so nicht mehr. Natürlich habe ich mich nicht vollständig verändert. Im Kern bin ich immer noch dieselbe Person. Zusätzlich mit Grenzen, mit einem klaren Willen. Klarer, als vielen lieb ist, die mich so nicht kannten. Die Austeilen konnten ohne mit einem Echo rechnen zu müssen. Ich habe still gelitten. Opferrolle. Für mein Umfeld bin ich heute eine völlig andere. Sie sehen nur, was bei ihnen ankommt, was ja normal ist.

Ich mag den (sicher oft gut gemeinten) Spruch „Bleib so, wie du bist.“, nicht mehr. Schöner finde ich: Ich mag dich, wie du bist.

Man verändert sein Verhalten, nicht seine komplette Persönlichkeit. Manchmal gilt es, genau die in der Therapie zu finden. Ich habe viel abgelehnt was ich von meiner Mutter kannte. Nur nicht so werden wie sie. Ich war so besessen davon, dass ich gar nicht mehr wusste, ob ich etwas ablehne, weil ich es von ihr kenne oder weil ich es wirklich nicht mag. Darauf gekommen bin ich übrigens nicht in der Therapie. Sie hat mir nur die Möglichkeit gegeben, mich zu reflektieren. Oft waren es völlig normale Situationen, die mir ein Aha-Erlebnis bescherten. Ein Gespräch über alles mögliche, irgendetwas, das ich sah. U.a. war es ein Film mit Julia Roberts (Die Braut, die sich nicht traut). Dort gibt es eine Szene, in der sie ausprobiert, wie sie ihr Ei mag. Weich oder hart gekocht, Rührei, Spiegelei … Sie hatte ihr Ei immer so gegessen, wie ihre Partner sie aßen. Sie aß irgendwelche Cornflakes, weil sie wusste, dass ihre Mutter das hasste und stellte fest, eigentlich mochte sie die gar nicht. Nein, ich hatte so etwas nicht getan aber als ich diese Szene sah, war das wie ein Schlüsselmoment.

Mache ich etwas aus Trotz, bin ich nicht frei in meiner Entscheidung.

Es geht darum, herauszufinden, was man für sich selbst will und dieses Ziel in einem gesunden Maß zu verfolgen.

Und: Warum will ich es? Weil ich jemandem gefallen will? Weil es mich weiter bringt und gut für mich ist? Weil ich jemandem eine Freude damit machen will? Egal warum, aber entscheide bewusst.

Bis sich das richtige Maß von Abgrenzung und gesundem Egoismus eingependelt hat, vergeht eine lange Zeit. Eine Zeit der Selbstfindung voller Rückschläge und Überreaktionen. Das war eine schwere Zeit. Für mich und auch für mein Umfeld. Von den wenigen Freunden von damals blieb keiner übrig. Das ist ok. Mit meiner Kindheit, der Zeit meiner Ehe habe ich Frieden geschlossen und wunderbare Menschen kennengelernt. Alles hat seine Zeit. Ich habe meine und die ist JETZT.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

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Keine große Sache – oder doch?

Meine Tochter war 3 oder 4 als sie irgendwann aus dem Kindergarten nach Hause kam und erzählte, dass da ein Junge sei, der sie immer wieder ärgerte, mit Worten und Taten. Inzwischen fühlte sie sich so unwohl dabei, dass sie den Tränen nah war und sich nicht mehr zu helfen wusste. Weggehen, die Erzieherinnen zu Hilfe rufen, das alles wirkte nicht.

Natürlich kann man sagen, vermutlich mochte er sie und neckte sie deshalb. Das spielt aber nur eine untergeordnete Rolle, wenn sie sich dabei unwohl fühlt.

Körperlich wehren im Sinne von wegschubsen etc. war im Kindergarten natürlich unerwünscht. Also riet ich ihr, ihm das nächste Mal, wenn er sie wieder drangsalierte, direkt und so laut sie kann ins Gesicht zu schreien: „LASS MICH ENDLICH IN RUHE!“ Wir übten das sogar.

Am nächsten Abend erzählte sie mir mit leuchtenden Augen von ihrem Erfolg. Er sei auf ihren Schrei hin erschrocken und wortlos weggegangen. Danach hat er sie nie wieder bedrängt.

Mir ist bewusst, dass das auch hätte anders ausgehen können. Aber es war einen Versuch wert und sehr wichtig für die Entwicklung meiner Tochter.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

Umfrageergebnis: Was wünsche ich mir in der Depression von meinen Mitmenschen?

Zur Vorgeschichte: Vor einigen Tagen retweetete man mir eines der Bildchen mit „Depressions-Bingo“ in die Timeline. Für die, die nicht wissen, was das ist:

Diese Tabellen habe ich seit Jahren immer wieder in unterschiedlichen Zusammenstellungen gesehen und auch geteilt. Einige dieser Sätze hat sicher jede/r Depressive selbst schon einmal gehört. Die Schlimmsten (verletzende, abfällige Sprüche) sind mir Dank eines tollen Umfeldes erspart geblieben. Einiges davon ist dumm und verletzend. Einige treffen auch den Kern des Problems und tun deshalb weh, weil man es oft selber weiß aber sich weder in der Lage fühlt, etwas daran zu ändern, noch es in Worte zu fassen. Bei einigen vermute ich Hilflosigkeit. Hilflosigkeit des direkten Umfelds, das vielleicht noch nie mit depressiven Menschen zu tun hatte. Mir fehlt da das gegenseitige Verständnis. Ich kenne beide Seiten und ich kenne auch die Hilflosigkeit. Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, was man tun kann, so viele Fragen, die einem durch den Kopf gehen.

  • Was kann ich tun?
  • Soll ich überhaupt was tun?
  • Soll ich bleiben?
  • Soll ich sie/ihn in Ruhe lassen?

Diese und  viele Fragen mehr, die den Betroffenen in einer tiefen Depressionsphase völlig überfordern. Oft weiß man in der schwersten Zeit selber nicht, was man braucht. Hat gleichzeitig das Bedürfnis nach Ruhe und wenn man diese Ruhe hat, fühlt man sich einsam. Ein Teufelskreis.

In der Depression ist es schwer einen klaren Gedanken zu fassen, worauf wohl auch zurückzuführen ist, dass wie in der Umfrage ersichtlich, wenige gefragt werden möchten, was sie sich wünschen und man weiß auch selber oft in dem Moment nicht, was man will. Aber es gibt Zeiten, mal sehr kurze Zeiten oder auch längere, in denen es wieder etwas besser geht, in denen die Sprachlosigkeit, die Kraftlosigkeit etwas nachlässt. Das sind die Zeiten, die man dafür nutzen kann seinem Umfeld zu sagen, was man sich von ihnen wünscht und was sie bitte lassen sollen.

Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Bedürfnisse so unterschiedlich sind, wie die Erkrankung selber, erstellte ich eine Umfrage auf Twitter.  Mein Wunsch war, dass jeder, der es gerade kann formuliert, was er sich wünscht. (Was unerwünscht ist, sollte inzwischen bekannt sein, trotzdem ist es sinnvoll auch da weiter zu informieren.)

Die Resonanz war überwältigend. Damit habe ich nicht gerechnet, hatte aber viel Freude an dem Austausch. Vielen Dank, dass sich so viele auch aktiv durch Replies beteiligt haben!

An der Umfrage beteiligten sich insgesamt 892 Betroffene und wählten wie folgt:

Grafik Depressionen

Bingo mal anders

Am wichtigsten war für 45 % die „ganz normale Behandlung“. Das heißt für mich, keine Sonderbehandlung, keine Samthandschuhe. Wenn man respektvoll (25%) miteinander umgeht, bedeutet das auch: Kein zusätzlicher Druck, keine Anweisungen, sich nicht lustig machen, keine Abwertung. Lediglich eine Rückmeldung bekam ich, dass bei eigener Antriebslosigkeit Motivation von anderer Seite gewünscht ist. Das bleibt wohl eher die Ausnahme. Denn oft genug fehlt einfach die Kraft für Unternehmungen/Sport etc.

Viele Rückmeldungen wünschten sich Akzeptanz. Ganz normaler Umgang und akzeptieren, dass man ist wie man gerade ist und die Art wie man damit umgeht/lebt. Die wenigsten Menschen, die selber nie von Depression betroffen waren, verstehen was in Depressiven vorgeht. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich und nötig. Bei anderen Krankheiten/Verletzungen kann man den Schmerz auch oft nicht nachvollziehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Höchstens die Angst davor. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich Depression als Schmerz vorzustellen, was auch oft genug so ist. Der (seelische) Schmerz ist da, nicht immer helfen Tabletten dagegen. Fakt ist: Seelischer Schmerz kann genauso heftig sein, wie körperlicher. Das Beste was man tun kann ist da sein. Da sein, wenn der Betroffene reden möchte, wenn er eine Umarmung (24%) möchte. Dazu gehört sehr viel Empathie, die oft beide Seiten überfordert. Wenn der Erkrankte nicht weiß, was er braucht, woher soll es ein anderer erst wissen? Hellsehen kann niemand.

Meine größte Angst war, von den Menschen, die mir am wichtigsten waren, Freunde, Familie, verlassen zu werden. Ihnen zuviel zu werden. Denn auch für das Umfeld, Partner, Familie, sind diese Depressionen sehr belastend. Das darf man nicht vergessen. Auch sie machen sich Sorgen, sind oft hilflos. Über die Jahre zu sehen, dass sie blieben war mir unendlich wichtig und gab mir Vertrauen.

Viele schrieben, dass sie alle Punkte wichtig finden und sie sich nur schwer entscheiden konnten. Wenn man es genau nimmt, ist der Übergang fließend. Begegnet man sich mit Respekt, macht man keine Vorwürfe oder abfällige Bemerkungen, lästert nicht (Ehrlichkeit) hinter dem Rücken über das „merkwürdige Verhalten“ ohne zu wissen, was los ist. Das sollte normal sein. 

Verständnis für die Situation, für Schwächen, dass man etwas gerade in diesem Moment nicht tun kann, was sonst geht und auf Ratschläge verzichten. Ebenso Verständnis dafür, dass man gefühlsmäßig anders reagiert als sonst. Das finde ich persönlich auch besonders wichtig.

Weitere Wünsche waren: 

  • Zuhören – mal still, mal aktiv
  • Gespräche wenn gewünscht
  • Zuwendung
  • Anteilnahme
  • Rücksichtnahme (ohne Mitleid)
  • Wahr und ernst genommen werden. (Nicht ignoriert werden. Keine aufgesetzte gute Laune. Gefühle unkommentiert zur Kenntnis nehmen)
  • sich willkommen fühlen können, auch ohne gute Laune
  • Keine Benachteiligung im Beruf! 

Ebenfalls einen ganz wichtigen Hinweis fand ich die Bitte, dass die Angehörigen auch auf ihre Grenzen achten. Mitgefühl ist gut und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, dass man etwas mit-leidet, wenn es einem geliebten Menschen so schlecht geht. Es belastet jedoch zusätzlich, wenn der Depressive sich um den Partner etc. auch noch Gedanken machen muss. Also bitte, achtet auf euch! Auch die Partner, Familie, Freunde haben eine Auszeit verdient und nötig.

Auf eine schöne Reply vom Melancholeriker möchte ich zum Abschluss noch hinweisen. Er wünscht sich positive Sätze, die sicher allen helfen würden.

„Du, deine Tränen ekeln mich nicht. Deine Traurigkeit macht mir keine Angst. Du darfst auch wuetend sein. Wenn du willst bin ich da + bleibe.

Du musst dich nicht vor mir schaemen. Du musst mich nicht beschützen. Ich weine gern mit dir, wie auch lachen.

Zu guter Letzt: Ich reiche meine Hand, meinen Arm. Den Zeitpunkt des Ergreifens/ Loslassens bestimmt du allein.“

 

Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges übersehen oder vergessen!
Alle Replies können im Detail unter der Umfrage nachgelesen werden. Ganz herzlichen Dank noch einmal an die vielen tollen Menschen, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

Nachtrag: Die liebe Chaos Queen, von der das oben erwähnte Depressions-Bingo stammte, hat mir eben erzählt, dass sie, aufgrund der Wünsche ihrer Leser, ebenfalls einen – wie ich finde – sehr lesenswerten „What to do“-Beitrag geschrieben hat. Den findet ihr hier

 

Aufmerksamkeit bekommt das, was schwer zu haben ist.

Ich schreibe das ohne Bitterkeit, weil ich glaube, dass das einfach in der Natur des Menschen liegt, so zu reagieren. Ausnahmen bestätigen meistens die Regel. Es gibt sie, man muss sie nur sehen.

Es ist einfach so, dass ich das schon seit vielen Jahren immer wieder beobachtet habe. In meiner eigenen Familie, bei meinen Kindern, bei mir selber, im privaten Bereich und im Internet. Man findet dieses Verhalten überall.

Das fängt in der Kunst an. Das, was rar ist, steigt im Wert. Massenware, Dinge, an die man leicht kommt, sinken im Wert. Sogar dann, wenn die Qualität besser ist. Es ist eben nichts Besonderes mehr. Oder der Künstler lebt noch. Dann kann ja noch genügend nachkommen. Sobald er stirbt, steigt der Wert seiner Kunst. Aber ok, lassen wir das mit der Kunst, auch dort gibt es Ausnahmen. Auch dort liegt der Wert im Auge des Betrachters. Aber nur dort?

Was ist mit Twitter? Ich habe noch nie beobachtet, dass jemand einen Screenshot davon macht, wenn ein „kleiner“ Account einem folgt bzw. zurückfolgt und einen Freudentanz deshalb macht. Was für ein Aufstand wird oft betrieben, wenn einer von den „großen“ Accounts zurückfolgt. Einer, dem man schon so lange folgt, Aufmerksamkeit schenkt, favt und retweetet was das Zeug hält. Einer, der sehr in der Öffentlichkeit steht. Er oder sie folgt zurück. Halleluja! Es wird gefeiert, bevor er auch nur einen einzigen Tweet von euch/uns zurück gefavt hat. Manchmal bleibt es auch dabei. Es wird nur gefolgt. Die Favs oder Retweets kann man sich denken. Ich schließe mich da gar nicht aus. Ist mir auch schon passiert. Anfängerirrtum. Inzwischen denke ich darüber anders.

Im zwischenmenschlichen Bereich ist es oft genauso. Wer uns seine Zuneigung auf dem Silbertablett serviert, ist vielleicht am Anfang interessant. Man fühlt sich gebauchpinselt, genießt die bedingungslose Aufmerksamkeit und Zuneigung, doch bald schon verliert sich das. Es wird zur Gewohnheit, das Interesse lässt nach. Verliebt wird sich in solche Menschen nur selten. Interessanter sind die, um die man kämpfen muss, die fast unerreichbar erscheinen und das oft genug auch bleiben. Um diese unerfüllte Liebe kann dann ausgiebig getrauert werden. Dass man für jemand anderes genauso eine unerfüllte Liebe ist, weil man ihn oder sie gar nicht wahrnahm, ist da nebensächlich.

Ja, auch das ist mir schon passiert. Vielleicht erkenne ich die Muster deshalb so gut.

Ebenso habe ich das im familiären Bereich immer wieder gesehen. Z.B. bei getrennt lebenden Eltern. Das Elternteil, bei dem die Kinder bleiben, dass sich rührend kümmert, rotiert, immer da ist. Es ist halt da. Es wird mit Sicherheit auch geliebt und es wird wahrgenommen, was dieses Elternteil für sie tut. Es wird nur oft nicht gezeigt, weil es eben normal ist. Das andere Elternteil, das sich ab und zu mal einbringt, hin und wieder Aufmerksamkeit schenkt, unbelastet von den alltäglichen Problemen, das kommt auf den Sockel. Über diese Person wird sich ein Loch in den Bauch gefreut, wenn sie ein Versprechen hält (mal). Wenn sie den Kindern das ab und zu schenkt, was sie sich wünschen.

Der andere Teil, der das immer tut, erlebt das nur selten. Das ist einfach so und liegt in der Natur der Sache. Nicht immer schön aber menschlich.

Und das alles erklärt dann auch so ein Verhalten wie von Dunkelbunt beobachtet (auch wenn es Erwachsene waren, die so etwas sagten):

 

Einigen wir uns darauf, dass für Kinder jeder Elternteil ein Held ist, der zur Aufführung erscheint. Es fällt nur mehr auf, wenn er seltener kommt.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

Depression in Samthandschuhen

Inspiriert zu diesem Text hat mich u. a. ein Gespräch mit @daunenhart  und sein Video zu dem Thema „Depression und die anderen“. Wir sind auch nicht immer einer Meinung aber gerade das macht die Gespräche interessant und ermöglicht eine andere Sicht auf die Dinge. Deshalb lohnt es sich auch Menschen zuzuhören, die anderer Meinung sind als man selbst. An dieser Stelle mal ein fettes Danke an dich für den respektvollen Austausch!

 

In der letzten Zeit stößt mir vermehrt ein bestimmtes Verhalten auf.

Ich spreche jetzt hier nicht von Ausnahmen. Von den Schwankungen, denen man in einem Depressionsschub ausgesetzt ist. Den Momenten, in denen die Krankheit die Sicht verzerrt. Die Wahrnehmung gestört ist. Man die Dinge gar nicht so wahrnehmen kann wie sie tatsächlich sind.

Für all das habe ich reichlich Verständnis. Ich weiß selber noch zu gut, wie das im schlimmsten Fall war und erlebe das auch heute noch in Schüben.

Was ich meine, sind Menschen, die über Jahre kontinuierlich Verständnis von Nicht-Kranken erwarten. Verständnis für ihr eigenes verletzendes Verhalten, Verständnis dafür, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste verbal um sich schlagen. Dass einige jedes noch so schlechte Verhalten damit entschuldigen, dass sie ja krank sind.  Die nicht bereit sind, das gleiche Verständnis den Nicht-Kranken entgegenzubringen. Wo bitte bleibt das Verständnis für die Nicht-Depressiven, die Gesunden, die sich interessieren, die sich Mühe geben, die gerne verstehen würden?

Ich finde das nicht richtig!

Ich habe auch Fehler gemacht und mache sie noch. Wie alle Menschen. Und ja, einige dieser Fehler waren der Krankheit geschuldet. Depression macht ungerecht. Aber man durfte es mir sagen und ich war mir dessen bewusst. Nicht immer sofort aber wenn, dann konnte ich mich auch entschuldigen. War nicht immer toll und manche Träne floss da auch bei mir. Aber ich brauchte die sachliche Ehrlichkeit  um mich weiter zu entwickeln (ein „Heulsuse“ ist nicht ehrlich sondern absichtlich verletzend und unsachlich). Samthandschuhe bedeuten Stillstand. Ich brauchte und brauche die Spiegel immer noch. Ich wollte normal, also respektvoll und ehrlich, behandelt werden. Woher sollte ich sonst wissen, wann ich mich falsch verhielt? Mir ist klar, dass ich nicht der Maßstab aller Dinge bin aber ich finde, dieses zusammenrotten von Betroffenen um verbal einzuschlagen auf jeden, der nicht immer sofort die richtige Handlungsweise und Reaktion parat hat, der nicht jeden Depressiven in Watte packt, einfach falsch. Man kann nicht immer Respekt erwarten und sich selber respektlos verhalten.

Ist es sinnvoll, sich zu beschweren, dass „niemand“ einen versteht, wenn man nicht bereit ist, zu erklären was mit einem los ist? Ist es sinnvoll, sich in Watte packen zu lassen, so dass niemand sich mehr traut einem auch mal die Wahrheit zu sagen, weil es dem Kranken dann ja noch schlechter geht? Ist das Sinn der Sache? Ich denke, nein!

Verständnis funktioniert nur in beide Richtungen! Egal ob depressiv oder nicht!

Dabei spricht mir dieser Tweet von gestern mehr als aus dem Herzen und war längst überfällig:

Mir ist es mehrfach passiert, dass wenn ich äußerte, dass zu den meisten zwischenmenschlichen Dingen Zwei gehören. Nämlich einer der macht und einer, der mit sich machen lässt*, Halleluja, da hörte ich nicht nur einmal, dass ich damit die Opfer zu Tätern mache.

Nein verdammt!

Es geht um Eigenverantwortung. Es geht hier nicht um Opfer von Gewalttaten, egal welcher Art von Gewalt! Es geht mir um das ganz normale tägliche Miteinander. Hört auf, mir und anderen das Wort im Mund umzudrehen und fangt an, genauer hinzusehen. Wenn euch immer wieder dasselbe passiert, nämlich dass Menschen euch ausnutzen, schlecht behandeln, dann fragt mal nach der Auswahl, die IHR auch trefft. Darum geht es. Dass es scheiße ist, wenn Menschen andere ausnutzen steht außer Frage. Es geht doch darum, wie IHR euch schützen könnt.

Ja, mir ist das auch alles passiert und ja, ich habe auch meine Zeit gebraucht, bis ich das erkannte. Aber ich hab zugehört. Ich habe mich hinterfragt, manchmal zu intensiv. Auch das kenne ich. Aber man kann sich nur nach vorne bewegen, wenn man aus der Opferrolle rauskommt und aufhört zu denken, man könnte dagegen nichts tun.

Natürlich kostet das Kraft. Kraft, die man nicht immer hat. Und damit bin ich schon beim nächsten Punkt.

JEDER, der bereit ist auch nur ein Stückchen auf andere zuzugehen, hat auch jemanden um sich, der einen mag. Und wenn es nur einer ist, der sich sorgt, der sich bemüht, der ab und zu fragt, wie es einem geht. Es spielt keine Rolle wie viele es sind. Wichtig ist, dass es einer tut. Dann sagt bitte nicht, NIEMAND mag mich, NIEMAND vermisst mich, nur weil es nicht der ist, den ihr am liebsten haben wollt. Das verletzt! Ihr wollt doch auch nicht verletzt werden, dann hört damit auf! Schaut genau hin, ob da nicht doch jemand ist. Wenn da einer ist, dann wisst ihn zu schätzen.

Natürlich ist es gerade große Mode, besonders auf Twitter, sich nicht mehr zu „verstellen“. Alles rauslassen. Alle Gefühle. Ohne Rücksicht auf Verluste wird rausgehauen was einem in den Kopf kommt. Da gehört, dass erzählt wird, wann man welches Geschäft erledigt noch zu den kleinsten Übeln. (too much information)

MAL hab ich da gar kein Problem mit. Jeder hat mal einen schwachen Moment. Raus damit. Aber ständig? Man muss nicht ständig Haltung bewahren, das macht auch nur einen verspannten Nacken. Aber ein bisschen wäre schon schön. Ich finde es nicht toll, lesen zu müssen „Ich hasse alle Menschen. Menschen sind alle scheiße.“ Da freu ich mich doch! Hurra, ich bin ein Mensch und liebe es wenn man mich hasst. Erwartet ihr das ernsthaft? Erwartet ihr, dass man euch bedingungslos Liebe oder Zuneigung entgegenbringt, wenn ihr im Gegenzug hasst? Am meisten lese ich diesen Satz von Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie besonders einsam sind. Verrückt oder? Verrückt und traurig. Es sind nicht alle Menschen scheiße. Ich kenne einige ganz wunderbare Menschen. Persönlich. Sie sind genauso wenig unfehlbar wie ich. Menschen eben. Aber sie haben grundsätzlich ein gutes Herz. Darum geht es doch oder? Angenommen werden wie man ist. Warum dann nicht andere auch so annehmen? Das bedeutet nicht, dass man alles akzeptieren muss aber auch nicht, dass direkt alles schlecht ist.

Ich sehe zu, wie Menschen von einem Extrem ins andere verfallen.

Von: Den ganzen Tag die Maske auf und lächeln

zu: Ich kotze mich in einer Tour aus und lasse jeden Gedanken ungefiltert raus.

Vielleicht ist das manchmal nötig, um dann den Mittelweg zu finden. Das ist ok. Vorübergehend. Aber dann muss es gut sein.

 

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

*Der Satz „Es gehören zu allem zwei. Einer der macht und einer der mit sich machen lässt.“ stammt von meiner  1. Therapeutin. Sie sagte mir das in der 1. Therapiestunde: „Und SIE haben das alles mit sich machen lassen!“ Das tat weh aber scheiße, sie hatte recht! Aber sowas von!

Diese Zeilen haben mich berührt – via @StieglerThomas https://thomasstieglerblog.wordpress.com/

„Früher, da hätte ich sie gepflückt, diese Veilchen.“ Menschen wie mich nennt man abfällig Träumer. Oder Versager. Aus der Zeit gefallen. Alt und verbraucht. Aber wenn man älter wird, wenn man aufmerksam durch die Welt geht und ein paar Dinge verstanden hat, dann verändert das einen Menschen. Dann braucht man Dinge nicht mehr […]

über „Früher, da … — Thomas Stiegler

Ein sehr schöner Gedanke von @Jack__Hanson, der mir aus der Seele spricht, denn das Beste, was wir haben, ist unser Leben

Es dreht sich alles um das Beste. Alles muss optimiert sein. Besser. Glänzender. Ein jeder von uns muss stärker, schöner, lauter, leiser, glücklicher, reicher, gesünder, besser sein als alle anderen. Wir müssen das beste Haus, das beste Auto, den besten Job, das höchste Gehalt haben. Wir müssen uns optimieren. Stichwort Nachhaltigkeit. Nein, müssen wir nicht. […]

über Optimal — Wegmarken