„Das hat dir alles deine Therapeutin eingeredet…“

… war eine der Erklärungen, die mein inzwischen geschiedener Ehemann dafür fand, dass ich die Trennung wollte.

Er hätte es besser wissen müssen, wie viele Gründe – über die ich hier nicht näher eingehen möchte – es dafür tatsächlich gab. Und doch verstehe ich ihn heute. Wie viel diese Aussage von ihm über ihn, über mich und über das Bild aussagte, das er von mir hatte, begriff ich erst Jahre später.

Tatsächlich hatte meine Therapeutin recht wenig mit dieser Entscheidung zu tun. Ich wusste dass dieser Weg unausweichlich war, als sie noch von Familien- bzw. Paartherapie sprach. Sie traf keine Entscheidungen für mich und legte mir auch keine in den Mund. Sie lehrte mich lediglich überhaupt Entscheidungen zu treffen. Nicht anderen die Entscheidungen über mein Leben zu überlassen um mich anschließend darüber zu beklagen, dass es nicht die richtigen waren. Sie lehrte mich, selber Entscheidungen zu treffen, die zur Abwechslung mal für mich gut waren. Dass Er das nicht verstehen konnte, ist heute für mich nachvollziehbar. Hatte er mich doch völlig anders kennengelernt. Mehr als 20 Jahre vorher. Ich habe zwar Wünsche geäußert, sie jedoch sehr sehr selten durchgesetzt. Somit überließ ich ihm sicher 98% aller Entscheidungen. Er sollte mich ja lieb haben. Ich hatte schon in meiner Kindheit gelernt, dass das so funktionierte. Von klein auf. Ich mache, was von mir verlangt wird, störe nicht, bin da wenn man mich braucht und ansonsten unsichtbar, dafür hat man mich lieb. Dachte ich. War aber nicht so. Es sorgte nur dafür, dass es nicht schlimmer wurde, den Unterschied kannte ich aber als Kind nicht. Deshalb konnte ich auch nicht fühlen, dass ich geliebt wurde. Extrem bekam ich das zu spüren, wenn ich versuchte mich zu wehren. Erst als meine Gefühle soweit „zerstört“ waren, dass es mir egal war, ob er mich liebt und was er von mir denkt, konnte ich diese Entscheidung treffen, war ich nicht mehr die brave Ehefrau, die bereit war alles zu tun, nur um nicht verlassen zu werden, Streit zu vermeiden.

Wenn man plötzlich anfängt auf sich zu achten, Grenzen zu setzen, Widerworte zu geben, eine klare Meinung auszusprechen, reagiert das gewohnte Umfeld mit Unverständnis, vor allem dann, wenn sie dadurch plötzlich benachteiligt werden.

„Was ist denn mit der plötzlich los?“
„Der bekommt wohl die Therapie nicht!“
„Was machen die da mit der?“
„Die ist aber komisch (herzlos, kalt, egoistisch etc.) geworden.“

Als ich drei Jahre nach der Trennung in eine psychosomatische Kur fuhr, um die Psychopharmaka abzusetzen, neu durchzustarten, sagte meine Mutter vor der Abfahrt zu mir: „Ich hoffe, du bist danach wieder die Alte.“

Damals hat mich das sehr verletzt. Sie hat NICHTS verstanden, ging mir schmerzhaft durch den Kopf. Wusste sie nicht, dass genau das, so wie ich damals war, so wie sie mich wiederhaben wollte, dass es genau das war, was dazu führte, dass ich krank wurde?

Nein, wusste sie nicht. Ihr ging es darum, dass sie ihr braves Mädchen wieder bekam, das sie immer noch in mir sah. Die Tochter, die sie gewohnt war und mit der sie besser zurecht kam. Ich war ihr plötzlich fremd. Doch die Tochter, die sie kannte, gab es so nicht mehr. Natürlich habe ich mich nicht vollständig verändert. Im Kern bin ich immer noch dieselbe Person. Zusätzlich mit Grenzen, mit einem klaren Willen. Klarer, als vielen lieb ist, die mich so nicht kannten. Die Austeilen konnten ohne mit einem Echo rechnen zu müssen. Ich habe still gelitten. Opferrolle. Für mein Umfeld bin ich heute eine völlig andere. Sie sehen nur, was bei ihnen ankommt, was ja normal ist.

Ich mag den (sicher oft gut gemeinten) Spruch „Bleib so, wie du bist.“, nicht mehr. Schöner finde ich: Ich mag dich, wie du bist.

Man verändert sein Verhalten, nicht seine komplette Persönlichkeit. Manchmal gilt es, genau die in der Therapie zu finden. Ich habe viel abgelehnt was ich von meiner Mutter kannte. Nur nicht so werden wie sie. Ich war so besessen davon, dass ich gar nicht mehr wusste, ob ich etwas ablehne, weil ich es von ihr kenne oder weil ich es wirklich nicht mag. Darauf gekommen bin ich übrigens nicht in der Therapie. Sie hat mir nur die Möglichkeit gegeben, mich zu reflektieren. Oft waren es völlig normale Situationen, die mir ein Aha-Erlebnis bescherten. Ein Gespräch über alles mögliche, irgendetwas, das ich sah. U.a. war es ein Film mit Julia Roberts (Die Braut, die sich nicht traut). Dort gibt es eine Szene, in der sie ausprobiert, wie sie ihr Ei mag. Weich oder hart gekocht, Rührei, Spiegelei … Sie hatte ihr Ei immer so gegessen, wie ihre Partner sie aßen. Sie aß irgendwelche Cornflakes, weil sie wusste, dass ihre Mutter das hasste und stellte fest, eigentlich mochte sie die gar nicht. Nein, ich hatte so etwas nicht getan aber als ich diese Szene sah, war das wie ein Schlüsselmoment.

Mache ich etwas aus Trotz, bin ich nicht frei in meiner Entscheidung.

Es geht darum, herauszufinden, was man für sich selbst will und dieses Ziel in einem gesunden Maß zu verfolgen.

Und: Warum will ich es? Weil ich jemandem gefallen will? Weil es mich weiter bringt und gut für mich ist? Weil ich jemandem eine Freude damit machen will? Egal warum, aber entscheide bewusst.

Bis sich das richtige Maß von Abgrenzung und gesundem Egoismus eingependelt hat, vergeht eine lange Zeit. Eine Zeit der Selbstfindung voller Rückschläge und Überreaktionen. Das war eine schwere Zeit. Für mich und auch für mein Umfeld. Von den wenigen Freunden von damals blieb keiner übrig. Das ist ok. Mit meiner Kindheit, der Zeit meiner Ehe habe ich Frieden geschlossen und wunderbare Menschen kennengelernt. Alles hat seine Zeit. Ich habe meine und die ist JETZT.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

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Umfrageergebnis: Was wünsche ich mir in der Depression von meinen Mitmenschen?

Zur Vorgeschichte: Vor einigen Tagen retweetete man mir eines der Bildchen mit „Depressions-Bingo“ in die Timeline. Für die, die nicht wissen, was das ist:

Diese Tabellen habe ich seit Jahren immer wieder in unterschiedlichen Zusammenstellungen gesehen und auch geteilt. Einige dieser Sätze hat sicher jede/r Depressive selbst schon einmal gehört. Die Schlimmsten (verletzende, abfällige Sprüche) sind mir Dank eines tollen Umfeldes erspart geblieben. Einiges davon ist dumm und verletzend. Einige treffen auch den Kern des Problems und tun deshalb weh, weil man es oft selber weiß aber sich weder in der Lage fühlt, etwas daran zu ändern, noch es in Worte zu fassen. Bei einigen vermute ich Hilflosigkeit. Hilflosigkeit des direkten Umfelds, das vielleicht noch nie mit depressiven Menschen zu tun hatte. Mir fehlt da das gegenseitige Verständnis. Ich kenne beide Seiten und ich kenne auch die Hilflosigkeit. Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, was man tun kann, so viele Fragen, die einem durch den Kopf gehen.

  • Was kann ich tun?
  • Soll ich überhaupt was tun?
  • Soll ich bleiben?
  • Soll ich sie/ihn in Ruhe lassen?

Diese und  viele Fragen mehr, die den Betroffenen in einer tiefen Depressionsphase völlig überfordern. Oft weiß man in der schwersten Zeit selber nicht, was man braucht. Hat gleichzeitig das Bedürfnis nach Ruhe und wenn man diese Ruhe hat, fühlt man sich einsam. Ein Teufelskreis.

In der Depression ist es schwer einen klaren Gedanken zu fassen, worauf wohl auch zurückzuführen ist, dass wie in der Umfrage ersichtlich, wenige gefragt werden möchten, was sie sich wünschen und man weiß auch selber oft in dem Moment nicht, was man will. Aber es gibt Zeiten, mal sehr kurze Zeiten oder auch längere, in denen es wieder etwas besser geht, in denen die Sprachlosigkeit, die Kraftlosigkeit etwas nachlässt. Das sind die Zeiten, die man dafür nutzen kann seinem Umfeld zu sagen, was man sich von ihnen wünscht und was sie bitte lassen sollen.

Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Bedürfnisse so unterschiedlich sind, wie die Erkrankung selber, erstellte ich eine Umfrage auf Twitter.  Mein Wunsch war, dass jeder, der es gerade kann formuliert, was er sich wünscht. (Was unerwünscht ist, sollte inzwischen bekannt sein, trotzdem ist es sinnvoll auch da weiter zu informieren.)

Die Resonanz war überwältigend. Damit habe ich nicht gerechnet, hatte aber viel Freude an dem Austausch. Vielen Dank, dass sich so viele auch aktiv durch Replies beteiligt haben!

An der Umfrage beteiligten sich insgesamt 892 Betroffene und wählten wie folgt:

Grafik Depressionen

Bingo mal anders

Am wichtigsten war für 45 % die „ganz normale Behandlung“. Das heißt für mich, keine Sonderbehandlung, keine Samthandschuhe. Wenn man respektvoll (25%) miteinander umgeht, bedeutet das auch: Kein zusätzlicher Druck, keine Anweisungen, sich nicht lustig machen, keine Abwertung. Lediglich eine Rückmeldung bekam ich, dass bei eigener Antriebslosigkeit Motivation von anderer Seite gewünscht ist. Das bleibt wohl eher die Ausnahme. Denn oft genug fehlt einfach die Kraft für Unternehmungen/Sport etc.

Viele Rückmeldungen wünschten sich Akzeptanz. Ganz normaler Umgang und akzeptieren, dass man ist wie man gerade ist und die Art wie man damit umgeht/lebt. Die wenigsten Menschen, die selber nie von Depression betroffen waren, verstehen was in Depressiven vorgeht. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich und nötig. Bei anderen Krankheiten/Verletzungen kann man den Schmerz auch oft nicht nachvollziehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Höchstens die Angst davor. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich Depression als Schmerz vorzustellen, was auch oft genug so ist. Der (seelische) Schmerz ist da, nicht immer helfen Tabletten dagegen. Fakt ist: Seelischer Schmerz kann genauso heftig sein, wie körperlicher. Das Beste was man tun kann ist da sein. Da sein, wenn der Betroffene reden möchte, wenn er eine Umarmung (24%) möchte. Dazu gehört sehr viel Empathie, die oft beide Seiten überfordert. Wenn der Erkrankte nicht weiß, was er braucht, woher soll es ein anderer erst wissen? Hellsehen kann niemand.

Meine größte Angst war, von den Menschen, die mir am wichtigsten waren, Freunde, Familie, verlassen zu werden. Ihnen zuviel zu werden. Denn auch für das Umfeld, Partner, Familie, sind diese Depressionen sehr belastend. Das darf man nicht vergessen. Auch sie machen sich Sorgen, sind oft hilflos. Über die Jahre zu sehen, dass sie blieben war mir unendlich wichtig und gab mir Vertrauen.

Viele schrieben, dass sie alle Punkte wichtig finden und sie sich nur schwer entscheiden konnten. Wenn man es genau nimmt, ist der Übergang fließend. Begegnet man sich mit Respekt, macht man keine Vorwürfe oder abfällige Bemerkungen, lästert nicht (Ehrlichkeit) hinter dem Rücken über das „merkwürdige Verhalten“ ohne zu wissen, was los ist. Das sollte normal sein. 

Verständnis für die Situation, für Schwächen, dass man etwas gerade in diesem Moment nicht tun kann, was sonst geht und auf Ratschläge verzichten. Ebenso Verständnis dafür, dass man gefühlsmäßig anders reagiert als sonst. Das finde ich persönlich auch besonders wichtig.

Weitere Wünsche waren: 

  • Zuhören – mal still, mal aktiv
  • Gespräche wenn gewünscht
  • Zuwendung
  • Anteilnahme
  • Rücksichtnahme (ohne Mitleid)
  • Wahr und ernst genommen werden. (Nicht ignoriert werden. Keine aufgesetzte gute Laune. Gefühle unkommentiert zur Kenntnis nehmen)
  • sich willkommen fühlen können, auch ohne gute Laune
  • Keine Benachteiligung im Beruf! 

Ebenfalls einen ganz wichtigen Hinweis fand ich die Bitte, dass die Angehörigen auch auf ihre Grenzen achten. Mitgefühl ist gut und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, dass man etwas mit-leidet, wenn es einem geliebten Menschen so schlecht geht. Es belastet jedoch zusätzlich, wenn der Depressive sich um den Partner etc. auch noch Gedanken machen muss. Also bitte, achtet auf euch! Auch die Partner, Familie, Freunde haben eine Auszeit verdient und nötig.

Auf eine schöne Reply vom Melancholeriker möchte ich zum Abschluss noch hinweisen. Er wünscht sich positive Sätze, die sicher allen helfen würden.

„Du, deine Tränen ekeln mich nicht. Deine Traurigkeit macht mir keine Angst. Du darfst auch wuetend sein. Wenn du willst bin ich da + bleibe.

Du musst dich nicht vor mir schaemen. Du musst mich nicht beschützen. Ich weine gern mit dir, wie auch lachen.

Zu guter Letzt: Ich reiche meine Hand, meinen Arm. Den Zeitpunkt des Ergreifens/ Loslassens bestimmt du allein.“

 

Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges übersehen oder vergessen!
Alle Replies können im Detail unter der Umfrage nachgelesen werden. Ganz herzlichen Dank noch einmal an die vielen tollen Menschen, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

Nachtrag: Die liebe Chaos Queen, von der das oben erwähnte Depressions-Bingo stammte, hat mir eben erzählt, dass sie, aufgrund der Wünsche ihrer Leser, ebenfalls einen – wie ich finde – sehr lesenswerten „What to do“-Beitrag geschrieben hat. Den findet ihr hier

 

Depression in Samthandschuhen

Inspiriert zu diesem Text hat mich u. a. ein Gespräch mit @daunenhart  und sein Video zu dem Thema „Depression und die anderen“. Wir sind auch nicht immer einer Meinung aber gerade das macht die Gespräche interessant und ermöglicht eine andere Sicht auf die Dinge. Deshalb lohnt es sich auch Menschen zuzuhören, die anderer Meinung sind als man selbst. An dieser Stelle mal ein fettes Danke an dich für den respektvollen Austausch!

 

In der letzten Zeit stößt mir vermehrt ein bestimmtes Verhalten auf.

Ich spreche jetzt hier nicht von Ausnahmen. Von den Schwankungen, denen man in einem Depressionsschub ausgesetzt ist. Den Momenten, in denen die Krankheit die Sicht verzerrt. Die Wahrnehmung gestört ist. Man die Dinge gar nicht so wahrnehmen kann wie sie tatsächlich sind.

Für all das habe ich reichlich Verständnis. Ich weiß selber noch zu gut, wie das im schlimmsten Fall war und erlebe das auch heute noch in Schüben.

Was ich meine, sind Menschen, die über Jahre kontinuierlich Verständnis von Nicht-Kranken erwarten. Verständnis für ihr eigenes verletzendes Verhalten, Verständnis dafür, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste verbal um sich schlagen. Dass einige jedes noch so schlechte Verhalten damit entschuldigen, dass sie ja krank sind.  Die nicht bereit sind, das gleiche Verständnis den Nicht-Kranken entgegenzubringen. Wo bitte bleibt das Verständnis für die Nicht-Depressiven, die Gesunden, die sich interessieren, die sich Mühe geben, die gerne verstehen würden?

Ich finde das nicht richtig!

Ich habe auch Fehler gemacht und mache sie noch. Wie alle Menschen. Und ja, einige dieser Fehler waren der Krankheit geschuldet. Depression macht ungerecht. Aber man durfte es mir sagen und ich war mir dessen bewusst. Nicht immer sofort aber wenn, dann konnte ich mich auch entschuldigen. War nicht immer toll und manche Träne floss da auch bei mir. Aber ich brauchte die sachliche Ehrlichkeit  um mich weiter zu entwickeln (ein „Heulsuse“ ist nicht ehrlich sondern absichtlich verletzend und unsachlich). Samthandschuhe bedeuten Stillstand. Ich brauchte und brauche die Spiegel immer noch. Ich wollte normal, also respektvoll und ehrlich, behandelt werden. Woher sollte ich sonst wissen, wann ich mich falsch verhielt? Mir ist klar, dass ich nicht der Maßstab aller Dinge bin aber ich finde, dieses zusammenrotten von Betroffenen um verbal einzuschlagen auf jeden, der nicht immer sofort die richtige Handlungsweise und Reaktion parat hat, der nicht jeden Depressiven in Watte packt, einfach falsch. Man kann nicht immer Respekt erwarten und sich selber respektlos verhalten.

Ist es sinnvoll, sich zu beschweren, dass „niemand“ einen versteht, wenn man nicht bereit ist, zu erklären was mit einem los ist? Ist es sinnvoll, sich in Watte packen zu lassen, so dass niemand sich mehr traut einem auch mal die Wahrheit zu sagen, weil es dem Kranken dann ja noch schlechter geht? Ist das Sinn der Sache? Ich denke, nein!

Verständnis funktioniert nur in beide Richtungen! Egal ob depressiv oder nicht!

Dabei spricht mir dieser Tweet von gestern mehr als aus dem Herzen und war längst überfällig:

Mir ist es mehrfach passiert, dass wenn ich äußerte, dass zu den meisten zwischenmenschlichen Dingen Zwei gehören. Nämlich einer der macht und einer, der mit sich machen lässt*, Halleluja, da hörte ich nicht nur einmal, dass ich damit die Opfer zu Tätern mache.

Nein verdammt!

Es geht um Eigenverantwortung. Es geht hier nicht um Opfer von Gewalttaten, egal welcher Art von Gewalt! Es geht mir um das ganz normale tägliche Miteinander. Hört auf, mir und anderen das Wort im Mund umzudrehen und fangt an, genauer hinzusehen. Wenn euch immer wieder dasselbe passiert, nämlich dass Menschen euch ausnutzen, schlecht behandeln, dann fragt mal nach der Auswahl, die IHR auch trefft. Darum geht es. Dass es scheiße ist, wenn Menschen andere ausnutzen steht außer Frage. Es geht doch darum, wie IHR euch schützen könnt.

Ja, mir ist das auch alles passiert und ja, ich habe auch meine Zeit gebraucht, bis ich das erkannte. Aber ich hab zugehört. Ich habe mich hinterfragt, manchmal zu intensiv. Auch das kenne ich. Aber man kann sich nur nach vorne bewegen, wenn man aus der Opferrolle rauskommt und aufhört zu denken, man könnte dagegen nichts tun.

Natürlich kostet das Kraft. Kraft, die man nicht immer hat. Und damit bin ich schon beim nächsten Punkt.

JEDER, der bereit ist auch nur ein Stückchen auf andere zuzugehen, hat auch jemanden um sich, der einen mag. Und wenn es nur einer ist, der sich sorgt, der sich bemüht, der ab und zu fragt, wie es einem geht. Es spielt keine Rolle wie viele es sind. Wichtig ist, dass es einer tut. Dann sagt bitte nicht, NIEMAND mag mich, NIEMAND vermisst mich, nur weil es nicht der ist, den ihr am liebsten haben wollt. Das verletzt! Ihr wollt doch auch nicht verletzt werden, dann hört damit auf! Schaut genau hin, ob da nicht doch jemand ist. Wenn da einer ist, dann wisst ihn zu schätzen.

Natürlich ist es gerade große Mode, besonders auf Twitter, sich nicht mehr zu „verstellen“. Alles rauslassen. Alle Gefühle. Ohne Rücksicht auf Verluste wird rausgehauen was einem in den Kopf kommt. Da gehört, dass erzählt wird, wann man welches Geschäft erledigt noch zu den kleinsten Übeln. (too much information)

MAL hab ich da gar kein Problem mit. Jeder hat mal einen schwachen Moment. Raus damit. Aber ständig? Man muss nicht ständig Haltung bewahren, das macht auch nur einen verspannten Nacken. Aber ein bisschen wäre schon schön. Ich finde es nicht toll, lesen zu müssen „Ich hasse alle Menschen. Menschen sind alle scheiße.“ Da freu ich mich doch! Hurra, ich bin ein Mensch und liebe es wenn man mich hasst. Erwartet ihr das ernsthaft? Erwartet ihr, dass man euch bedingungslos Liebe oder Zuneigung entgegenbringt, wenn ihr im Gegenzug hasst? Am meisten lese ich diesen Satz von Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie besonders einsam sind. Verrückt oder? Verrückt und traurig. Es sind nicht alle Menschen scheiße. Ich kenne einige ganz wunderbare Menschen. Persönlich. Sie sind genauso wenig unfehlbar wie ich. Menschen eben. Aber sie haben grundsätzlich ein gutes Herz. Darum geht es doch oder? Angenommen werden wie man ist. Warum dann nicht andere auch so annehmen? Das bedeutet nicht, dass man alles akzeptieren muss aber auch nicht, dass direkt alles schlecht ist.

Ich sehe zu, wie Menschen von einem Extrem ins andere verfallen.

Von: Den ganzen Tag die Maske auf und lächeln

zu: Ich kotze mich in einer Tour aus und lasse jeden Gedanken ungefiltert raus.

Vielleicht ist das manchmal nötig, um dann den Mittelweg zu finden. Das ist ok. Vorübergehend. Aber dann muss es gut sein.

 

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

*Der Satz „Es gehören zu allem zwei. Einer der macht und einer der mit sich machen lässt.“ stammt von meiner  1. Therapeutin. Sie sagte mir das in der 1. Therapiestunde: „Und SIE haben das alles mit sich machen lassen!“ Das tat weh aber scheiße, sie hatte recht! Aber sowas von!

Was sich bei mir verändert hat, 12 Jahre nach Ausbruch der schweren Depression

Dass ich jetzt nicht erst aufzähle, wie schlimm es damals war, gehört mit zu meiner Veränderung. Ich will in dem Schmerz nicht mehr bohren, mich darin suhlen weil es so ein ’schönes‘,  gewohntes Gefühl ist. Ich möchte nach vorne schauen. Mich auf das JETZT und auch die Zukunft freuen.

Wenn ich jedoch gefragt werde, wie es war mit einer schweren Depression zu leben, bin ich gerne bereit darüber zu sprechen. Doch nicht, um diesen Schmerz und was dazu führte, immer und immer wieder zu durchleben.

Ich bin nach wie vor mein schärfster Kritiker. Doch nutze ich diese Wesensart heute (meistens) anders. Ich hinterfrage meine – falsch erlernten – Muster.  Muster, die sich in meiner Kindheit und Jugend entwickelten. Ich nutze sie um zu hinterfragen ob die schlechten Gefühle, die sich immer mal wieder einschleichen, berechtigt sind und ob sie gerecht sind. Ob sie wahr sind oder nur Ergebnis der Depression, die einem Lügen erzählen will. Z. B. dass einen niemand liebt, dass man wertlos ist, nicht genug, nicht gut genug, nicht liebenswert usw. usw.

Ich frage mich, ob ich mich selbst an die Nase fassen muss oder ob ich zurecht auf jemanden sauer sein kann, der dieses Gefühl auslöste, weil er sich falsch verhielt. Manchmal bin ich da immer noch unsicher. Zum Glück habe ich heute Freunde, die rücksichtsvoll genug sind, mir ehrlich die Wahrheit zu sagen, ohne dabei absichtlich verletzend zu sein. Das erwarte ich von meinen Freunden auch. Ehrlichkeit. Klar tut die Wahrheit ab und zu weh. Aber das ist hin und wieder nötig um sich wieder ein Stück nach vorne zu bewegen. Und sie schätzen meine Ehrlichkeit. Wir spiegeln uns gegenseitig. Vorsichtig aber ehrlich.

Als mir das erste Mal klar wurde, wie ungerecht diese schlechten Gedanken denen gegenüber sind, die mich lieben, die mich vermissen würden, wenn ich nicht mehr da wäre, war ich wütend auf mich, habe mich geradezu dafür gehasst. Wieder so ein altes Muster. Heute sehe ich sie kommen und erkenne sie als Lüge. Ich habe das regelrecht trainiert, bis es zur Gewohnheit wurde, sie als Lüge zu erkennen, dagegen zu wirken, mich abzulenken.

Natürlich ist es nicht möglich, alle schlechten Phasen wegzudenken aber ich sehe sie anders. Diese Missstimmungen haben eine Ursache, die manchmal weit in der Vergangenheit liegen und durch aktuelle Ereignisse ausgelöst werden können. Das kann durch alles mögliche passieren. Ich weiß das, ich warte nicht darauf, rechne aber damit und kann es dadurch meistens auch besser aushalten. Es gibt aber auch Momente, in denen es mich überrollt. Das sind die schwierigsten.

Die Phasen kommen aber sie bleiben dadurch kürzer. Ich halte sie besser aus und erhole mich schneller. Die Depression wirkt immer noch wie ein Verstärker aller Gefühle. Das muss nicht immer negativ sein.

Was hat sich noch verändert?

Ich weiß heute ziemlich genau was ich will und lasse mich auch nicht durch Menschen ausbremsen, die das schlecht reden. Ich habe liebe neue Freunde gefunden, von den früheren ist niemand mehr übrig. Meine Veränderung ist u. a. dafür verantwortlich. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn man plötzlich klar sagt, was man will und was nicht und sich nicht mehr gängeln lässt, sprich erwachsen geworden ist. Ich musste lernen, diese Dinge nicht zu schroff auszusprechen, um den Menschen in meinem Leben nicht vor den Kopf zu stoßen. Auch für sie war meine Veränderung schwer. Das darf man nicht vergessen. Und der Hang von einem Extrem ins andere zu verfallen ist verführerisch und nur natürlich. Das muss sich erst einpendeln.

Wenn es mich packt, gehe ich alleine auf Konzerte ohne gleichzeitig darüber traurig zu sein, dass ich alleine bin, weil es mir lieber ist alleine zu gehen, als jemanden dabei zu haben, der nur halbherzig mitgeht und mich spüren lässt, dass er nicht wirklich Spaß hat. Das bremst mich immer noch aus.

Ich probiere alles aus woran ich wirklich Spaß habe, egal wie gut ich darin bin. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man erkennt, dass man Dinge tun kann, einfach weil man Spaß daran hat ohne diesen Perfektionsanspruch zu haben. Natürlich gebe ich trotzdem mein Bestes aber wenn es nicht klappt… so what … dann mache ich was anderes. Das, woran ich am meisten Spaß habe, da bleib ich dran, wie z. B. das Singen im Chor.

Ein „das ist doch nichts für dich, das kannst du nicht“, bremst mich nicht mehr aus. Eher packt es meinen Ehrgeiz es trotzdem zu versuchen und es selbst herauszufinden, was ich kann und was nicht. Umso wertvoller war es damals, einen Freund zu haben, der mit Mut machte, als ich monatelang aus Angst nicht gut genug zu sein, vor mir her schob, mich in dem Chor zu bewerben, in dem ich nun seit fast 5 Jahren singe (unfassbar, 5! Jahre schon).

Woran ich noch arbeiten muss: 

Das unangenehme Gefühl loszuwerden, das sich immer noch in mir ausbreitet, wenn ich jemandem, den ich mag, nein sagen muss. Nein, ich kann dir nicht helfen, weil es gerade nicht geht. Nein, ich gehe da nicht mit, weil es mich nicht interessiert. Nein, ich gehe nicht mit spazieren, weil ich gerade faul sein will. Sich das zu erlauben fällt mir immer noch schwer. Weil ich doch so gerne helfe, anderen eine Freude mache. Ich erlaube mir beides. So wie mir gerade ist. Und ich habe gemerkt, echte Freunde akzeptieren das genauso, wie ich das akzeptiere. Ohne Vorwürfe, ohne beleidigt zu sein, ohne mir ein schlechtes Gewissen machen zu wollen.

Besonders schwer fällt es mir immer noch, meiner Familie (Eltern und Geschwistern) Grenzen zu setzen. Daran arbeite ich noch.

Ich hoffe, dass die Gedanken, dass ich zur Last falle wenn ich über das was mich bewegt spreche, irgendwann ganz verschwinden.

Danke für euer Interesse an meinen Gedanken.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

 

 

Übers Kämpfen, Verlieren und dass das alles völlig normal ist. Wenn man keine Depressionen hat.

Wer hat nicht schon mal an sich gezweifelt?
Wer hat nicht schon mal einen Kampf verloren?

Ich habe schon um vieles gekämpft und oft verloren. Vermutlich lag es manchmal daran, dass ich um das Falsche kämpfte. Wer weiß, vielleicht war es sogar gut, dass ich den Kampf verlor, auch, wenn es sich ganz sicher erst einmal nicht so anfühlte. Die Selbstzweifel waren groß. Ich war nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht hübsch genug, nicht interessant genug, nicht stark genug, nicht fröhlich genug, einfach nicht genug.

Das Ganze kann man hervorragend auf die Spitze treiben. Schließlich kann man bei sich selbst das Messer am besten ansetzen. Man kennt sich ja gut genug und weiß, wo es so richtig weh tut. Weh tun ist oft ein altbekanntes Gefühl. Die Depression ist dabei ein hervorragender Helfer. Sie wartet bloß auf diese schwachen Momente um sich darauf zu stürzen. Einem das Gefühl von Versagen einzureden. Sie steuert die Gedanken, die Gefühle und wenn es ganz schlimm kommt, auch die Taten. Alles wird verstärkt. Die Trauer, die Wut, Hass gegen sich selbst, Verachtung über das eigene Versagen, nichts richtig machen zu können, das ganze Gefühlsleben gerät aus den Fugen. Wenn die Gefühle einen dann so überschwemmen, dass man sie nicht mehr aushält, rettet man sich in die Gefühllosigkeit. Starrt nur noch vor sich hin, bekommt nichts mehr mit. Tunnelblick. Jeder Einfluss von außen überfordert. Das Denken wird möglichst abgeschaltet. In diesem Stadium ist man zu den einfachsten Dingen nicht mehr fähig. Ein Einkaufszettel überfordert schon. In den Supermarkt gehen und einkaufen wird unmöglich.

Diese Gedanken sucht man sich nicht aus. Sie sind da und sie haben einen Ursprung. Irgendwo. Mit etwas Glück findet man Therapeuten, die einen in die richtige Richtung lenken. Die einen Ernst nehmen.  In meinem Fall haben mir Medikamente erst einmal das Leben gerettet. Drei Jahre habe ich sie genommen. Dann hatte ich das Gefühl stark genug zu sein, sie abzusetzen.

Doch was mindestens genauso wichtig war, war ein Freund. Jemand, der mir – sehr unaufgeregt – immer wieder wenn meine Gedanken in diese falsche Richtung gelenkt wurden, zeigte, dass ganz viele Menschen solche Probleme haben. Oft denkt man ja, andere kriegen das alles locker hin. Die haben ihr Leben im Griff.

Haben sie nicht unbedingt. Es fällt nur nicht so auf. Die Menschen sprechen selten über ihre kleinen oder großen Niederlagen. Sie haben keine Depressionen. Sie haben gelernt, dass Niederlagen etwas Normales sind. Dass es nicht an einem persönlich liegen muss, wenn etwas nicht klappt. Sondern dass das einfach passiert. Jedem Menschen. Das gehört zum Leben dazu. Sie haben gelernt an Dingen Spaß zu haben, ohne dass sie perfekt sein müssen. Sie haben gelernt, dass eine Niederlage kein persönlicher Weltuntergang ist. Sie können trauern um z. B. eine verlorene Beziehung ohne sich immer selbst die Schuld für alles zu geben. Es gibt nicht immer einen Schuldigen. Meist sind es zwei, manchmal ist es auch keiner. Dann passte es einfach nicht. Gefühle kann man nicht erzwingen.

Obwohl ich die Depression inzwischen soweit bekämpft habe, dass ich ein recht normales Leben führen kann, ist es ein ständiger, kraftraubender Kampf nicht in alte Muster zu verfallen. Es ist so schön, wenn es gut läuft. Ein tolles Gefühl sich begehrenswert zu fühlen, gemocht, beliebt, glücklich. Diese Gefühle möchte man dann festhalten, weil man sie so lange entbehren musste. Man möchte die Zeit anhalten, damit das Gefühl nie mehr geht. Doch so geht Leben nicht. Leben ist ein Auf und Ab zu dem Trauer gehört. Das Leben ist auch sterben. Menschen müssen gehen, viel zu früh, die einem viel bedeutet haben. Sehr viel. Das sind Momente, in denen die Depression lauert. In denen ich mir immer wieder sagen muss, dass es normal ist. Dass ich es akzeptieren muss. Dass es weiter geht. Stabilität wäre dann schön. Doch auch das gibt das Leben nicht immer her. Ein hässliches Sprichwort sagt: Ein Unglück kommt selten allein. Statt Stabilität gibt es Ärger, Streit, der einem doppelt schlimm vorkommt in dem Moment.

Die Trauer annehmen, als etwas Normales. Und alles was zur gleichen Zeit passiert ebenfalls annehmen. Jedes für sich. Einzeln. Das ist nicht leicht. Kostet Kraft. Kostet Tränen. Aber es ist zu schaffen und es wird auch wieder besser. Wenn man es zulässt. Ich bin bereit, diesen Kampf zu kämpfen. Immer und immer wieder. Weil es sich lohnt. Weil ich leben möchte. Weil ich etwas erleben möchte. Das Leben spüren möchte, mit allem was dazu gehört. Ich will raus aus der Opferrolle und lenke mein Leben selbst, soweit es möglich ist.

Ich habe den ersten Kampf gegen die Depression gewonnen, als ich aufhörte gegen sie zu kämpfen und sie annahm. Als ein Teil von mir.

Und jetzt, nehme ich das Leben an. Stück für Stück.

Depression aus unterschiedlichen Blickwinkeln – @daunenhart und @silent_write im Gespräch

Depression

Begriff aus der Medizin, genauer Psychologie.
Eine sich in tiefer Niedergeschlagenheit u.a. ausdrückende seelische Erkrankung. Kurzwort: Depri Umgangssprachlich, Traurigkeit.

So steht es im Duden und ganz ehrlich, das klingt jetzt nicht sonderlich schlimm. Wenn man noch nie mit der Erkrankung zu tun hatte, dann versetzt einen diese kurze Erklärung nicht in Panik. Man könnte sagen, ah, nur eine Depression. Ist halt alles traurig und bestimmt hat man dann auch viele traurige und negative Gedanken. Bestimmt weint man da oft und bleibt lieber zu Hause. Ich war auch schon mal traurig und dann war ich es nicht mehr, weil ich nicht mehr traurig sein wollte. So schlimm wird das also nicht sein und vielleicht sollte man einfach mal wieder rausgehen, einen lustigen Film schauen oder sich einfach mal zusammenreißen. Man muss halt darüber reden und bestimmt gibt es in der heutigen Zeit genug Medikamente, die das wieder ins Gleichgewicht bringen. Bestimmt will das gar nicht jeder glücklich sein, sonst wäre ja keiner andauernd traurig.

Das ist natürlich sehr überspitzt ausgedrückt, aber nicht so weit weg von mancher Meinung. Die erkrankte Seite macht es nicht immer sehr viel besser. Oft liest man, dass ein gesunder Mensch, einen Kranken sowieso nicht versteht, weil keiner in der Lage ist, das zu verstehen, der selbst nicht erkrankt ist. Das will sich sowieso keiner zumuten und überhaupt, man versteht sich selber nicht, wie soll das dann ein anderer tun, der gesund ist? Das kann nur schiefgehen. Man bleibt unter sich oder allein und erspart es sich enttäuscht zu werden. Man muss sich ja verstecken. Auch das ist grob und überspitzt ausgedrückt, aber Sie ahnen es, nicht kompletter Blödsinn.

Vor einiger Zeit hatten der liebe @daunenhart und ich die Idee, lass uns mal was zusammen schreiben. Jeder aus seiner Sicht. Wir haben fünf gemeinsame Fragen gefunden, die jeder für sich beantworten konnte und fünf weitere Fragen hat einer dem anderen gestellt. Das Ganze passierte ohne persönliches Treffen und Kennenlernen und nur schriftlich und telefonisch. Keiner kannte vor dieser Veröffentlichung die Antworten des Anderen. Wir hatten vorher schon oft Kontakt und haben stundenlang telefoniert.

Wir haben uns gegenseitig unsere Fragen zu dem Thema beantwortet und merkten immer mehr, wie hilfreich das ist, sich so auszutauschen. Die Problematik auch einmal aus der Sicht des anderen zu betrachten.

Kurz zu mir: Die Depression zeigte sich (wie ich im Nachhinein weiß) schon sehr früh in meiner Kindheit. Die schwere Depression mit Suizidabsicht brach im Laufe des Frühjahrs 2005 nach einem konkreten Vorfall aus, der meine Seele komplett überforderte. Im Juli 2005 begann ich meine 1. Therapie mit Medikamenten, die wöchentlich bis Oktober 2008 stattfand. Im Mai 2008 begab ich mich auf eigenen Wunsch in eine Kur, die mich beim Absetzen der Medikamente erfolgreich unterstützte. Seitdem komme ich ohne Antidepressiva durch die Depressionen. Eine zweite Therapie startete ich (ohne Antidepressiva) im Herbst 2014 mit einer Dauer von ca. einem Jahr. Danach ging es mir stetig besser, bis vor einigen Wochen eine Ansammlung von Ereignissen, die mich in ihrer Fülle überforderten, kurz aus der Bahn schmiss. Die mir aber auch zeigte, was ich inzwischen durch 2 gute Therapien und der Geduld und dem Verständnis der Menschen in meiner persönlichen Umgebung in der Lage bin zu bewältigen.

Das ist die Kurzfassung über meine Situation. Ich bin sozusagen die andere Seite dieses gemeinsamen Blogs. Nur damit Sie wissen, wer hier die folgenden Fragen beantwortet.

Als erstes nun also die oben genannten fünf gemeinsamen Fragen, die ich aus meiner Sicht wie folgt beantwortete:

  1. Kann man Menschen aus dem privaten Umfeld alle Emotionen und Gefühle ungefiltert zumuten?

    Ich denke, das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen, finde ich es wichtig abschätzen zu können, wie viel davon der andere aushalten kann. Aus der Sicht einer Depressiven kann ich sagen, dass man oft mit all seinen – manchmal merkwürdigen und unlogischen, von der Depression gesteuerten – Gefühlen überfordert ist. Wie soll ein gesund denkender Mensch sie nachvollziehen und einordnen können? Mal abgesehen davon, dass er sich ja auch Sorgen macht über den Gesundheitszustand eines nahe stehenden Menschen. Ich würde sogar soweit gehen, dass sehr empathische Menschen gefährdet sind, selber depressiv zu werden.

    Das einzuschätzen ist natürlich in einer tiefen Phase der Depression für den Depressiven nahezu unmöglich, wenn nicht sogar völlig unmöglich. Da ist dann der gesunde Mensch gefragt auch mal zu sagen: Stopp, das überfordert mich gerade. Das darf und muss er meiner Meinung nach tun. Auch dann, wenn der Depressive sich dann abgelehnt fühlt. Der gesunde Mensch muss für sich selber sorgen.

    Sobald es dem Depressiven möglich ist, sollte er sich seiner Verantwortung aber auch wieder bewusst werden anderen nicht ALLES zuzumuten, es sei denn, beide wollen das ausdrücklich. Da wäre eine klare Absprache vorher und ein ständiger Austausch absolut sinnvoll.

  2. Woran erkenne ich, wann ich den Menschen vor mir habe und wann die Krankheit?

    Ich habe lange überlegt, wie ich diese Frage beantworte. Kann man den Menschen von der Krankheit überhaupt trennen? Kann oder konnte man das bei mir? Ich kann das nicht klar mit ja oder nein beantworten. Denn der Mensch, der ich bin, steckt ja auch in der depressiven Phase in mir. Vermutlich erkannte man welchen „Teil“ man von mir vor sich hatte in dem Moment, in dem ich völlig unverständlich und gegensätzlich zu dem handelte, was man von mir gewöhnt war. Ich merkte das jedoch sehr schnell, wenn ich wieder einmal – fremdgesteuert von der Depression – völlig überreagiert hatte. Ungerecht dem anderen gegenüber. Dafür habe ich mich geschämt, mir Vorwürfe gemacht, das dann aber auch recht schnell demjenigen gesagt und mich auch dafür entschuldigt und bei Bedarf erklärt. Allerdings nur bei den Menschen, die mir nahe standen/stehen.

    Wenn ich sonst eher friedlich und fröhlich war, war ich während der depressiven Phase oft gereizt, empfindlicher als sonst, voller Selbstzweifel, blockte ab, zog mich zurück. Die Depression nimmt massiv Einfluss auf das Gefühlsleben und den Tagesablauf. Das hat sich etwas gebessert, ist aber immer noch nicht ständig weg. Die Abstände werden jedoch immer größer.

    Kannte man den Depressiven vor seiner Erkrankung schon, erkennt man die Wesensänderung am deutlichsten. Allerdings verändert die Depression den Menschen auch während der Krankheit. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er nie mehr der wird, der er vorher war. Und das ist meistens gut für den Depressiven, weniger für sein Umfeld. Er wird sich vermutlich nicht im Kern ändern, wohl aber im Umgang mit anderen Menschen.

    Ungleich schwerer ist es zu erkennen, wenn man den Depressiven vor der Depression nicht kannte. Dann braucht es Zeit und Vertrauen. Zeit, in der man aufmerksam zuhören, beobachten muss, wenn man verstehen will, welche Person hinter der Depression steckt.

    Ich glaube jedoch, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der wahre Kern sich am deutlichsten zeigt, wenn der Depressive in einer guten Phase steckt. Wenn er befreit von den depressiven Gedanken handeln und reagieren kann.

  3. Wann sollte ein Mensch seine Erkrankung einem gesunden Menschen anvertrauen?

    Wenn sein Bauchgefühl ihm dazu rät. Ich für meinen Teil habe damit die besten Erfahrungen gemacht. Klar kann man sich mal irren aber das ist ja im Leben immer so. Meine 1. Therapeutin hat mal zu mir gesagt: „Hören sie auf Ihre Intuition, die funktioniert nämlich ganz gut, Sie trauen ihr nur nicht genug.“ Das habe ich dann so gut es mir möglich war geändert.

    Im Beruf z. B. halte ich es für besser, dass es nicht zu viele wissen. Mein Chef hat mich damals darum gebeten und meine erste Reaktion war, dass ich mich darüber geärgert habe. Warum sollte ich das verheimlichen? Das ist doch nichts wofür man sich schämen muss! Das stimmt auch. Doch bin ich mir heute ziemlich sicher, dass man diesen „Stempel“ Depression nie wieder los wird. Jede Reaktion wird auf die Depression geschoben. Entweder es wird hinter dem Rücken getuschelt oder es wird einem nichts mehr zugetraut. Rücksichtnahme ist etwas tolles, jedoch nicht dann, wenn man von interessanten, anspruchsvolleren Aufgaben verschont wird, weil man mich nicht belasten will oder mir die Belastung schlicht nicht zutraut. Das würde mich nur zusätzlich frustrieren.

    Ansonsten würde ich sagen, dass immer dort Offenheit und Ehrlichkeit über meine Erkrankung angebracht ist, je näher mir jemand steht. Das finde ich nur fair.

  4. Wo liegt die Grenze zwischen Verständnis für einen depressiven Menschen und ständiger Selbstaufgabe?

    Die Grenze liegt genau da, wo die ständige Selbstaufgabe beginnt. Es spricht nichts dagegen, seine eigenen Bedürfnisse ab und zu zurück zu stellen. Aus Rücksichtnahme. Doch absolute Selbstaufgabe führt den anderen unweigerlich auch in die Depressionen oder andere Krankheiten. Gesund kann das nicht sein.

    Was mich angeht würde mir das auch nicht helfen. Denn bei ständiger Rücksichtnahme anderer habe ich keinen Grund mehr, mich selbst zu bewegen und etwas an meinem Zustand zu ändern. An mir zu arbeiten. Gegen die falschen Gedankengänge, die mich in die Tiefe ziehen wollen, anzugehen.

    Das geht nicht ohne harte Arbeit. Denn in akuter Depression sorgt meine Krankheit dafür, dass ich jedes Abgrenzen des anderen als Ablehnung oder Desinteresse empfinde. Nur dann, wenn mein Partner/Freunde/Familie ruhig und fest in ihrer Haltung bleiben, zu Gesprächen bereit sind und mir auch mein falsches, manchmal unfaires Verhalten deutlich spiegeln, kann ich das selbst erkennen und gegen meine Krankheit angehen. Dabei haben mir meine beiden Therapeutinnen in 2 Therapien (3,5 Jahre und 6 Jahre später noch einmal 1,5 Jahre) ebenfalls hervorragend geholfen, so dass ich heute soweit bin, es sehr schnell selber zu erkennen, wenn ich mal wieder in alte Muster zurück gefallen bin.

  5. Was wünschst du dir für den Umgang zwischen depressiven und gesunden Menschen?

    Das, was ich mir für den Umgang zwischen allen Menschen wünsche: In erster Linie gegenseitigen Respekt und rücksichtsvolles Verhalten in einem gesunden Maß, ausdrücklich von beiden Seiten. Wenn die Depression für eine Überreaktion sorgte, ist es kein Akt sich hinterher dafür zu entschuldigen und das zu erklären. Schön, wenn der Gesunde einem die Gelegenheit dazu gibt und das nötige Verständnis hat. Die Depression sollte aber nicht als Ausrede benutzt werden, um sich ständig wie ein Arschloch zu verhalten. Wenn das doch jemand tut, ist es ziemlich wahrscheinlich dass er auch ohne Depression eines ist.

    Aktives Zuhören, ausreden lassen und Rückmeldung geben von beiden Seiten, damit der andere auch weiß, wie das Gehörte angekommen ist bzw. aufgenommen wurde. So können Missverständnisse auch sofort geklärt und ausgeräumt werden.

5 Fragen von @daunenhart an mich:

  1. Welche Bedeutung hätte die Depression für Dich, wenn sie eine Person wäre? Wie würdest du Sie charakterisieren?

    Das wäre wohl die erste Person über die ich sagen würde, dass ich sie aus vollem Herzen hasse. Und im ersten Moment erschreckt mich dieser Gedanke. Ist aber auch genauso ein interessanter Gedanke. Denn ich würde zusehen, dass ich diese Person aus meinem Leben entferne, die nur darauf aus ist, mich zu manipulieren und mir das Leben schwer zu machen. Leider haftet die Person an einem wie mit einer Fußfessel am Bein. Ein Problem, das aber nicht unlösbar ist.

  1. Was würdest du einer Person sagen, die zum Thema Depression sagt, man muss nur wollen?

    Ich würde ihr sagen, dass sie damit nicht ganz unrecht hat. Für diesen Willen muss man jedoch erst einmal Platz im Kopf schaffen und die Kraft dafür entwickeln. Die Depression nimmt in den schlimmsten Phasen allen Raum im Kopf ein und legt jede Möglichkeit selber Initiativen für irgendetwas zu entwickeln lahm. Sie lähmt den Kopf, die Gedanken, den Körper und saugt alle Kraft aus einem. Sobald diese wirklich schlimme Phase, in der man sich völlig fremdgesteuert fühlt vorbei ist, kann man die Kraft für den Willen sammeln. Dieses „nur“ ist also nicht so einfach wie es klingt. Es ist harte Arbeit. Ohne den Willen da raus zu kommen  geht aber gar nichts. Das stimmt.

  1. Glaubst Du, dass es Menschen gibt, die eine Depression als Strafe sehen? Unabhängig davon, dass die Krankheit ihnen das sagt. Sie quasi annehmen als Teil ihres Lebens?

    Ja, ich kann mir vorstellen, dass es das gibt. Depressionen sind wie ein Fluch der auf einem lastet. Am Anfang konnte ich das nicht erkennen, dass die Krankheit mir diese Gedanken einredet. Für mich waren diese negativen Gedanken die Wahrheit, Realität. Es dauert lange, bis man weiß, dass die negativen Gedanken durch die Krankheit fremdgesteuert sind. Manche lernen das vielleicht nie. Das hängt sicher auch von der Schwere der Erkrankung ab. Von dem, was man erlebt hat. Das weiß ich nicht genau. Für mich war es ganz wichtig, die Depression als Teil meines Lebens anzunehmen um mich nicht mehr dagegen zu wehren. Denn dieses Wehren kostet Kraft, die man nicht hat oder für anderes wichtiger braucht. Sich mit etwas abzufinden bedeutet nicht automatisch ewiges erdulden und aufgeben. Sondern erst einmal Erleichterung. Ich nahm sie an als ein Teil von mir und lernte dann, dass sie ein Zeichen war. Ein Zeichen, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste. Ein Hilfeschrei meiner Seele. Sie hatte also auch etwas Gutes für mich. Das kann ich aber erst seit kurzem so sehen. Der Ausbruch meiner schweren Depression ist 11 Jahre her und es ist möglich, dass sie mich nie ganz verlässt.

  1. Wenn man eine Depression auch nicht völlig hinter sich lassen kann, was glaubst du, welche Chancen bestehen mit einer Depression glücklich zu werden?

    Da Glück im allgemeinen sowieso nichts ist, was dauerhaft vorhanden ist, sondern in einzelnen, vielfältigen Momenten stattfindet, halte ich die Chance für sehr gut. Voraussetzung dafür ist, dass die Depression soweit behandelt ist, dass man wieder in der Lage ist zu fühlen. Denn Depressionen belasten einen so sehr, dass man irgendwann dieses Gefühl nicht mehr aushält und alle Gefühle unterdrückt. Sobald man wieder fühlen kann, ist man auch in der Lage Glück zu fühlen. Wie lange das dauern kann, bis es soweit ist, weiß man wohl vorher nie.

    Ich hatte bereits während meiner ersten Therapie viele glückliche Momente, die jedoch von den sehr viel stärkeren und länger anhaltenden negativen Momenten regelrecht überlagert wurden. Dass ich diese glücklichen Momente hatte, kann ich auch erst seit ein paar Jahren rückblickend voller Überzeugung sagen. Und ich muss mich ständig wieder daran erinnern, damit ich es nicht vergesse. Ich habe das Glück nicht als Glück erkannt und so fühlen können. Es gibt ja noch eine Phase zwischen glücklichen Momenten und negativen Momenten, Ereignissen. Ich nenne diese Phase Ruhephase in der ich versuche Zufriedenheit zu spüren. Zufrieden mit dem was ist und was ich habe. Zufrieden damit, dass gerade nichts passiert, das mich herunter ziehen könnte. Auch Zufriedenheit kann einem ein Gefühl von Glück geben und ich bin glücklich, dass es mir trotzdem noch so gut geht bzw, wieder so gut geht. Es könnte schlimmer sein. Nämlich so, wie vor 11 Jahren.

  1. Kann ein depressiver Mensch jemandem wie mir viel Einblick in sein Gefühlsleben geben? Was ist deine Meinung?

    Grundsätzlich ja. Das hängt natürlich auch davon ab, ob der depressive Mensch das überhaupt möchte und kann. Ich konnte am Anfang gar nicht darüber reden was ich fühle. Geschweige denn über das, was in der Therapie besprochen wurde. Aber als es wieder ging hätte ich mir jemanden gewünscht, der soviel Interesse hat und der das auch aushalten und damit umgehen kann, wenn ich ihm meine dunkelsten Gedanken und Gefühle mitteile. Dem steht oft eine Hilflosigkeit von Seiten der Zuhörer gegenüber, die einen dann wieder ausbremst. Denn Depressive wollen auf keinen Fall jemandem zur Last fallen oder einem Menschen, der ihnen wichtig ist, Schaden zufügen. Übermäßige Rücksichtnahme ist oft  ein Grund für den Ausbruch von Depressionen. Fehlender Egoismus und Selbstaufgabe. So war es bei mir und ich habe es auch schon öfter von anderen gehört.

Zunächst vielen Dank für euer Interesse bis hierher und ausdrücklichen Dank auch an @daunenhart für viele interessante Gespräche und die Bereitschaft, diese Idee hier zu verwirklichen.
Wenn ihr auch lesen möchtet, wie @daunenhart seine Fragen beantwortet hat, findet ihr sie hier.

Wenn die Depression sich meldet

Heute habe ich bei @der_emil diesen Tweet und den dazugehörigen Blog gelesen.

Das erinnerte mich an die Frage, die mir vor ein paar Tagen gestellt wurde, ob dadurch, dass sich meine Depression vor ein paar Wochen wieder in heftiger Form zeigte, alle Zeit der Veränderung, der Besserung umsonst waren. Zugegeben eine sehr gute Frage, bei der ich für die Beantwortung auch etwas Zeit zum überlegen brauchte.

Bei mir war sie nicht umsonst. Denn alles was ich gelernt habe in den letzten 11 Jahren, ist ja noch da und ich kann es auch anwenden. Es löscht die depressive Phase nur nicht aus. Es wirkt ihr entgegen und das ist harte Arbeit und braucht Zeit und Geduld.

Der oben genannte Blogbeitrag erinnerte mich daran, wie es mir in den ersten Jahren des Ausbruchs meiner schweren Depression ging. Ich hörte nur noch schwere und traurige Musik. Weltuntergangsstimmung quer Beet. Ich löschte Accounts, Profilbilder. Ersetzte sie durch ein komplett schwarzes Bild. Ich ließ mich tagelang nicht online blicken. Diese Reaktionen ersetzten ein wenig den Wunsch danach mich selbst auszulöschen und damit den Seelenschmerz, der kaum auszuhalten war. Es war auch ein Aufschrei. Ein Hilferuf. Der Wunsch, dass jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Denn aussprechen konnte ich das nicht. Ich hatte es nie gelernt über meine Gefühle zu sprechen oder um Hilfe zu bitten. Außerdem hätte ich auch nicht gewusst, wie mir jemand helfen sollte. Die Depression kann mir niemand abnehmen. Darum bitten, dass einfach jemand bei mir ist und mich hält? Das hätte ich niemals getan. Es wäre mir vorgekommen, als würde ich die Zeit eines anderen vergeuden. Bloß keine Last sein. Meine oberste Priorität. Da sich auch niemand von selber anbot, erübrigte sich der Gedanke.

Heute ist das Gefühl der Depression und des Seelenschmerzes zwar immer noch das gleiche, wie ich mit der Situation umgehe ist jedoch eine völlig andere. Ich treffe möglichst keine Entscheidungen in dieser Zeit. Es sei denn, sie sind für mein Wohlbefinden von größter Wichtigkeit. Ich lösche keine Profile mehr, ändere keine Fotos. Ich ziehe mich zurück, gönne mir in der privaten Zeit Ruhe. Davon brauche ich dann sehr viel. Ich erlaube mir die Dinge, die mir gut tun ohne jemand anderem zu schaden. Ich beriesele mich mit Fernsehserien, Filmen, Dokus. Nur nichts schweres. Leichte Kost. Etwas, das den Strom meines Gedankenkarussells unterbricht. Ablenkung von der Depression ist nicht automatisch wegsehen. Doch mein Kopf braucht diese Pausen. Am wohlsten fühle ich mich dann zu Hause. Allein. In meiner Wohlfühloase. Außer meinen Katzen ist niemand da. Niemand, der mich hilflos ansieht. Niemand der mich beobachtet. Niemand dem ich Rechenschaft ablegen muss darüber, wann ich aufstehe, wann ich frühstücke, wann ich mich wasche und anziehe. Niemand, den ich mit meiner Depression belasten könnte. Alles geht nach meinem Rhythmus. Wenn es wieder besser geht, kann ich mich mit mehr beschäftigen. Manchmal lesen, Musik hören. Lesen konnte ich jahrelang überhaupt nicht oder wenn, dann nur für andere. Vorlesen, das ging und machte mir Spaß. Je besser es mir wieder geht, umso aktiver werde ich auch. Dann schaffe ich es zum Sport oder unter Menschen. Besuche Freunde oder mit ihnen Konzerte. Am liebsten sind mir jedoch grundsätzlich kleine Gruppen. Drei bis vier Leute um mich. Das ist das maximale. Alles andere kostet jede Menge Kraft und ich isoliere mich dann automatisch.

Ich weiß heute, wenn es bergab geht, dass es auch wieder bergauf geht. Ich halte das aus. Ich muss da durch. Das ist mir bewusst.

Es gibt Tage, da wache ich auf und bin tieftraurig. Wenn ich frei habe, liege ich da so 1 – 2 Stunden. Spätestens dann machen die Katzen Radau weil sie Hunger haben. Wenn ich dann einmal auf bin geht es. Dann komme ich durch den Tag. Wenn ich es nicht zum einkaufen schaffe, esse ich eben das, was da ist. Irgendwas ist immer da. Mir reicht das. Verhungern werde ich so schnell nicht. Ich sehe das positiv. So werden mal Lebensmittel aufgebraucht, die sonst nur schlecht werden. Ich möchte auch gar nicht mehr, dass das jemand für mich übernimmt. Das ist meine Verantwortung. Es wäre auch nicht gut, das abzugeben. Das würde mich nur dazu verleiten mich durchhängen zu lassen.

Durch diese erlernten Verhaltensmuster geht es schneller wieder bergauf. Es dauert, solange wie es eben dauert mit dem Wissen, auch diese Phase geht vorüber.