Was sich bei mir verändert hat, 12 Jahre nach Ausbruch der schweren Depression

Dass ich jetzt nicht erst aufzähle, wie schlimm es damals war, gehört mit zu meiner Veränderung. Ich will in dem Schmerz nicht mehr bohren, mich darin suhlen weil es so ein ’schönes‘,  gewohntes Gefühl ist. Ich möchte nach vorne schauen. Mich auf das JETZT und auch die Zukunft freuen.

Wenn ich jedoch gefragt werde, wie es war mit einer schweren Depression zu leben, bin ich gerne bereit darüber zu sprechen. Doch nicht, um diesen Schmerz und was dazu führte, immer und immer wieder zu durchleben.

Ich bin nach wie vor mein schärfster Kritiker. Doch nutze ich diese Wesensart heute (meistens) anders. Ich hinterfrage meine – falsch erlernten – Muster.  Muster, die sich in meiner Kindheit und Jugend entwickelten. Ich nutze sie um zu hinterfragen ob die schlechten Gefühle, die sich immer mal wieder einschleichen, berechtigt sind und ob sie gerecht sind. Ob sie wahr sind oder nur Ergebnis der Depression, die einem Lügen erzählen will. Z. B. dass einen niemand liebt, dass man wertlos ist, nicht genug, nicht gut genug, nicht liebenswert usw. usw.

Ich frage mich, ob ich mich selbst an die Nase fassen muss oder ob ich zurecht auf jemanden sauer sein kann, der dieses Gefühl auslöste, weil er sich falsch verhielt. Manchmal bin ich da immer noch unsicher. Zum Glück habe ich heute Freunde, die rücksichtsvoll genug sind, mir ehrlich die Wahrheit zu sagen, ohne dabei absichtlich verletzend zu sein. Das erwarte ich von meinen Freunden auch. Ehrlichkeit. Klar tut die Wahrheit ab und zu weh. Aber das ist hin und wieder nötig um sich wieder ein Stück nach vorne zu bewegen. Und sie schätzen meine Ehrlichkeit. Wir spiegeln uns gegenseitig. Vorsichtig aber ehrlich.

Als mir das erste Mal klar wurde, wie ungerecht diese schlechten Gedanken denen gegenüber sind, die mich lieben, die mich vermissen würden, wenn ich nicht mehr da wäre, war ich wütend auf mich, habe mich geradezu dafür gehasst. Wieder so ein altes Muster. Heute sehe ich sie kommen und erkenne sie als Lüge. Ich habe das regelrecht trainiert, bis es zur Gewohnheit wurde, sie als Lüge zu erkennen, dagegen zu wirken, mich abzulenken.

Natürlich ist es nicht möglich, alle schlechten Phasen wegzudenken aber ich sehe sie anders. Diese Missstimmungen haben eine Ursache, die manchmal weit in der Vergangenheit liegen und durch aktuelle Ereignisse ausgelöst werden können. Das kann durch alles mögliche passieren. Ich weiß das, ich warte nicht darauf, rechne aber damit und kann es dadurch meistens auch besser aushalten. Es gibt aber auch Momente, in denen es mich überrollt. Das sind die schwierigsten.

Die Phasen kommen aber sie bleiben dadurch kürzer. Ich halte sie besser aus und erhole mich schneller. Die Depression wirkt immer noch wie ein Verstärker aller Gefühle. Das muss nicht immer negativ sein.

Was hat sich noch verändert?

Ich weiß heute ziemlich genau was ich will und lasse mich auch nicht durch Menschen ausbremsen, die das schlecht reden. Ich habe liebe neue Freunde gefunden, von den früheren ist niemand mehr übrig. Meine Veränderung ist u. a. dafür verantwortlich. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn man plötzlich klar sagt, was man will und was nicht und sich nicht mehr gängeln lässt, sprich erwachsen geworden ist. Ich musste lernen, diese Dinge nicht zu schroff auszusprechen, um den Menschen in meinem Leben nicht vor den Kopf zu stoßen. Auch für sie war meine Veränderung schwer. Das darf man nicht vergessen. Und der Hang von einem Extrem ins andere zu verfallen ist verführerisch und nur natürlich. Das muss sich erst einpendeln.

Wenn es mich packt, gehe ich alleine auf Konzerte ohne gleichzeitig darüber traurig zu sein, dass ich alleine bin, weil es mir lieber ist alleine zu gehen, als jemanden dabei zu haben, der nur halbherzig mitgeht und mich spüren lässt, dass er nicht wirklich Spaß hat. Das bremst mich immer noch aus.

Ich probiere alles aus woran ich wirklich Spaß habe, egal wie gut ich darin bin. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man erkennt, dass man Dinge tun kann, einfach weil man Spaß daran hat ohne diesen Perfektionsanspruch zu haben. Natürlich gebe ich trotzdem mein Bestes aber wenn es nicht klappt… so what … dann mache ich was anderes. Das, woran ich am meisten Spaß habe, da bleib ich dran, wie z. B. das Singen im Chor.

Ein „das ist doch nichts für dich, das kannst du nicht“, bremst mich nicht mehr aus. Eher packt es meinen Ehrgeiz es trotzdem zu versuchen und es selbst herauszufinden, was ich kann und was nicht. Umso wertvoller war es damals, einen Freund zu haben, der mit Mut machte, als ich monatelang aus Angst nicht gut genug zu sein, vor mir her schob, mich in dem Chor zu bewerben, in dem ich nun seit fast 5 Jahren singe (unfassbar, 5! Jahre schon).

Woran ich noch arbeiten muss: 

Das unangenehme Gefühl loszuwerden, das sich immer noch in mir ausbreitet, wenn ich jemandem, den ich mag, nein sagen muss. Nein, ich kann dir nicht helfen, weil es gerade nicht geht. Nein, ich gehe da nicht mit, weil es mich nicht interessiert. Nein, ich gehe nicht mit spazieren, weil ich gerade faul sein will. Sich das zu erlauben fällt mir immer noch schwer. Weil ich doch so gerne helfe, anderen eine Freude mache. Ich erlaube mir beides. So wie mir gerade ist. Und ich habe gemerkt, echte Freunde akzeptieren das genauso, wie ich das akzeptiere. Ohne Vorwürfe, ohne beleidigt zu sein, ohne mir ein schlechtes Gewissen machen zu wollen.

Besonders schwer fällt es mir immer noch, meiner Familie (Eltern und Geschwistern) Grenzen zu setzen. Daran arbeite ich noch.

Ich hoffe, dass die Gedanken, dass ich zur Last falle wenn ich über das was mich bewegt spreche, irgendwann ganz verschwinden.

Danke für euer Interesse an meinen Gedanken.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

 

 

Übers Kämpfen, Verlieren und dass das alles völlig normal ist. Wenn man keine Depressionen hat.

Wer hat nicht schon mal an sich gezweifelt?
Wer hat nicht schon mal einen Kampf verloren?

Ich habe schon um vieles gekämpft und oft verloren. Vermutlich lag es manchmal daran, dass ich um das Falsche kämpfte. Wer weiß, vielleicht war es sogar gut, dass ich den Kampf verlor, auch, wenn es sich ganz sicher erst einmal nicht so anfühlte. Die Selbstzweifel waren groß. Ich war nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht hübsch genug, nicht interessant genug, nicht stark genug, nicht fröhlich genug, einfach nicht genug.

Das Ganze kann man hervorragend auf die Spitze treiben. Schließlich kann man bei sich selbst das Messer am besten ansetzen. Man kennt sich ja gut genug und weiß, wo es so richtig weh tut. Weh tun ist oft ein altbekanntes Gefühl. Die Depression ist dabei ein hervorragender Helfer. Sie wartet bloß auf diese schwachen Momente um sich darauf zu stürzen. Einem das Gefühl von Versagen einzureden. Sie steuert die Gedanken, die Gefühle und wenn es ganz schlimm kommt, auch die Taten. Alles wird verstärkt. Die Trauer, die Wut, Hass gegen sich selbst, Verachtung über das eigene Versagen, nichts richtig machen zu können, das ganze Gefühlsleben gerät aus den Fugen. Wenn die Gefühle einen dann so überschwemmen, dass man sie nicht mehr aushält, rettet man sich in die Gefühllosigkeit. Starrt nur noch vor sich hin, bekommt nichts mehr mit. Tunnelblick. Jeder Einfluss von außen überfordert. Das Denken wird möglichst abgeschaltet. In diesem Stadium ist man zu den einfachsten Dingen nicht mehr fähig. Ein Einkaufszettel überfordert schon. In den Supermarkt gehen und einkaufen wird unmöglich.

Diese Gedanken sucht man sich nicht aus. Sie sind da und sie haben einen Ursprung. Irgendwo. Mit etwas Glück findet man Therapeuten, die einen in die richtige Richtung lenken. Die einen Ernst nehmen.  In meinem Fall haben mir Medikamente erst einmal das Leben gerettet. Drei Jahre habe ich sie genommen. Dann hatte ich das Gefühl stark genug zu sein, sie abzusetzen.

Doch was mindestens genauso wichtig war, war ein Freund. Jemand, der mir – sehr unaufgeregt – immer wieder wenn meine Gedanken in diese falsche Richtung gelenkt wurden, zeigte, dass ganz viele Menschen solche Probleme haben. Oft denkt man ja, andere kriegen das alles locker hin. Die haben ihr Leben im Griff.

Haben sie nicht unbedingt. Es fällt nur nicht so auf. Die Menschen sprechen selten über ihre kleinen oder großen Niederlagen. Sie haben keine Depressionen. Sie haben gelernt, dass Niederlagen etwas Normales sind. Dass es nicht an einem persönlich liegen muss, wenn etwas nicht klappt. Sondern dass das einfach passiert. Jedem Menschen. Das gehört zum Leben dazu. Sie haben gelernt an Dingen Spaß zu haben, ohne dass sie perfekt sein müssen. Sie haben gelernt, dass eine Niederlage kein persönlicher Weltuntergang ist. Sie können trauern um z. B. eine verlorene Beziehung ohne sich immer selbst die Schuld für alles zu geben. Es gibt nicht immer einen Schuldigen. Meist sind es zwei, manchmal ist es auch keiner. Dann passte es einfach nicht. Gefühle kann man nicht erzwingen.

Obwohl ich die Depression inzwischen soweit bekämpft habe, dass ich ein recht normales Leben führen kann, ist es ein ständiger, kraftraubender Kampf nicht in alte Muster zu verfallen. Es ist so schön, wenn es gut läuft. Ein tolles Gefühl sich begehrenswert zu fühlen, gemocht, beliebt, glücklich. Diese Gefühle möchte man dann festhalten, weil man sie so lange entbehren musste. Man möchte die Zeit anhalten, damit das Gefühl nie mehr geht. Doch so geht Leben nicht. Leben ist ein Auf und Ab zu dem Trauer gehört. Das Leben ist auch sterben. Menschen müssen gehen, viel zu früh, die einem viel bedeutet haben. Sehr viel. Das sind Momente, in denen die Depression lauert. In denen ich mir immer wieder sagen muss, dass es normal ist. Dass ich es akzeptieren muss. Dass es weiter geht. Stabilität wäre dann schön. Doch auch das gibt das Leben nicht immer her. Ein hässliches Sprichwort sagt: Ein Unglück kommt selten allein. Statt Stabilität gibt es Ärger, Streit, der einem doppelt schlimm vorkommt in dem Moment.

Die Trauer annehmen, als etwas Normales. Und alles was zur gleichen Zeit passiert ebenfalls annehmen. Jedes für sich. Einzeln. Das ist nicht leicht. Kostet Kraft. Kostet Tränen. Aber es ist zu schaffen und es wird auch wieder besser. Wenn man es zulässt. Ich bin bereit, diesen Kampf zu kämpfen. Immer und immer wieder. Weil es sich lohnt. Weil ich leben möchte. Weil ich etwas erleben möchte. Das Leben spüren möchte, mit allem was dazu gehört. Ich will raus aus der Opferrolle und lenke mein Leben selbst, soweit es möglich ist.

Ich habe den ersten Kampf gegen die Depression gewonnen, als ich aufhörte gegen sie zu kämpfen und sie annahm. Als ein Teil von mir.

Und jetzt, nehme ich das Leben an. Stück für Stück.

Wenn die Depression sich meldet

Heute habe ich bei @der_emil diesen Tweet und den dazugehörigen Blog gelesen.

Das erinnerte mich an die Frage, die mir vor ein paar Tagen gestellt wurde, ob dadurch, dass sich meine Depression vor ein paar Wochen wieder in heftiger Form zeigte, alle Zeit der Veränderung, der Besserung umsonst waren. Zugegeben eine sehr gute Frage, bei der ich für die Beantwortung auch etwas Zeit zum überlegen brauchte.

Bei mir war sie nicht umsonst. Denn alles was ich gelernt habe in den letzten 11 Jahren, ist ja noch da und ich kann es auch anwenden. Es löscht die depressive Phase nur nicht aus. Es wirkt ihr entgegen und das ist harte Arbeit und braucht Zeit und Geduld.

Der oben genannte Blogbeitrag erinnerte mich daran, wie es mir in den ersten Jahren des Ausbruchs meiner schweren Depression ging. Ich hörte nur noch schwere und traurige Musik. Weltuntergangsstimmung quer Beet. Ich löschte Accounts, Profilbilder. Ersetzte sie durch ein komplett schwarzes Bild. Ich ließ mich tagelang nicht online blicken. Diese Reaktionen ersetzten ein wenig den Wunsch danach mich selbst auszulöschen und damit den Seelenschmerz, der kaum auszuhalten war. Es war auch ein Aufschrei. Ein Hilferuf. Der Wunsch, dass jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Denn aussprechen konnte ich das nicht. Ich hatte es nie gelernt über meine Gefühle zu sprechen oder um Hilfe zu bitten. Außerdem hätte ich auch nicht gewusst, wie mir jemand helfen sollte. Die Depression kann mir niemand abnehmen. Darum bitten, dass einfach jemand bei mir ist und mich hält? Das hätte ich niemals getan. Es wäre mir vorgekommen, als würde ich die Zeit eines anderen vergeuden. Bloß keine Last sein. Meine oberste Priorität. Da sich auch niemand von selber anbot, erübrigte sich der Gedanke.

Heute ist das Gefühl der Depression und des Seelenschmerzes zwar immer noch das gleiche, wie ich mit der Situation umgehe ist jedoch eine völlig andere. Ich treffe möglichst keine Entscheidungen in dieser Zeit. Es sei denn, sie sind für mein Wohlbefinden von größter Wichtigkeit. Ich lösche keine Profile mehr, ändere keine Fotos. Ich ziehe mich zurück, gönne mir in der privaten Zeit Ruhe. Davon brauche ich dann sehr viel. Ich erlaube mir die Dinge, die mir gut tun ohne jemand anderem zu schaden. Ich beriesele mich mit Fernsehserien, Filmen, Dokus. Nur nichts schweres. Leichte Kost. Etwas, das den Strom meines Gedankenkarussells unterbricht. Ablenkung von der Depression ist nicht automatisch wegsehen. Doch mein Kopf braucht diese Pausen. Am wohlsten fühle ich mich dann zu Hause. Allein. In meiner Wohlfühloase. Außer meinen Katzen ist niemand da. Niemand, der mich hilflos ansieht. Niemand der mich beobachtet. Niemand dem ich Rechenschaft ablegen muss darüber, wann ich aufstehe, wann ich frühstücke, wann ich mich wasche und anziehe. Niemand, den ich mit meiner Depression belasten könnte. Alles geht nach meinem Rhythmus. Wenn es wieder besser geht, kann ich mich mit mehr beschäftigen. Manchmal lesen, Musik hören. Lesen konnte ich jahrelang überhaupt nicht oder wenn, dann nur für andere. Vorlesen, das ging und machte mir Spaß. Je besser es mir wieder geht, umso aktiver werde ich auch. Dann schaffe ich es zum Sport oder unter Menschen. Besuche Freunde oder mit ihnen Konzerte. Am liebsten sind mir jedoch grundsätzlich kleine Gruppen. Drei bis vier Leute um mich. Das ist das maximale. Alles andere kostet jede Menge Kraft und ich isoliere mich dann automatisch.

Ich weiß heute, wenn es bergab geht, dass es auch wieder bergauf geht. Ich halte das aus. Ich muss da durch. Das ist mir bewusst.

Es gibt Tage, da wache ich auf und bin tieftraurig. Wenn ich frei habe, liege ich da so 1 – 2 Stunden. Spätestens dann machen die Katzen Radau weil sie Hunger haben. Wenn ich dann einmal auf bin geht es. Dann komme ich durch den Tag. Wenn ich es nicht zum einkaufen schaffe, esse ich eben das, was da ist. Irgendwas ist immer da. Mir reicht das. Verhungern werde ich so schnell nicht. Ich sehe das positiv. So werden mal Lebensmittel aufgebraucht, die sonst nur schlecht werden. Ich möchte auch gar nicht mehr, dass das jemand für mich übernimmt. Das ist meine Verantwortung. Es wäre auch nicht gut, das abzugeben. Das würde mich nur dazu verleiten mich durchhängen zu lassen.

Durch diese erlernten Verhaltensmuster geht es schneller wieder bergauf. Es dauert, solange wie es eben dauert mit dem Wissen, auch diese Phase geht vorüber.

 

Ich bin die …

Ich bin die, der der Atem stockt wenn man ihr weh tut, ohne eine Träne zu vergießen.
Ich bin die, der die Tränen lautlos laufen, wenn ihr Musik unter die Haut geht.

Ich bin die, die kaum eine Regung zeigt, wenn sie sich traurige Filme ansieht.
Ich bin die, die in Tränen ausbricht, wenn in den Filmen Menschen füreinander da sind.

Ich bin die, die erst wütend und dann traurig wird, wenn Menschen oberflächlich und egoistisch anderen gegenüber sind.
Ich bin die, die in Tränen ausbricht, weil sie genau die DVD von dem Film geschenkt bekommt, den sie so liebt. Weil jemand zugehört hat.

Ich bin die, die bei der 50. Verletzung nicht mehr weint, nur immer stiller wird.
Ich bin die, die nicht aufhören kann zu weinen, weil man ihr ein eigenes Musikstück schenkt.

Ich bin die, die nur noch selten weint, wenn sie traurig  ist.
Ich bin die, die weint, wenn man gut zu ihr ist.

Ich bin die, die weint, als sie diese Zeilen schreibt, weil ihr nicht bewusst war, wie sie ist.

Solange ich es nicht ausspreche, ist es nicht wahr oder wie ich wieder zu mir fand.

„Solange ich es nicht ausspreche, ist es nicht wahr.“

Das ist natürlich völliger Unsinn und doch war es für mich für eine sehr lange Zeit die einzige Möglichkeit, mich vor ständig drohenden Abstürzen zu retten. Und vielleicht war es für mich sogar eine von vielen Voraussetzungen für Weg aus der schlimmsten Depression.

Zu dieser Zeit hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass ich jemals auf die Frage „Wie geht es dir?“ aus ganzem Herzen und ehrlich sagen könnte: „Danke, mir geht es wirklich gut.“

Wurde mir diese Frage gestellt, gingen mir 1000 Gedanken durch den Kopf. Nein, es fühlte sich nicht gut an. Wieso eigentlich? Ich war nicht ernsthaft, lebensbedrohlich krank. Habe zwei tolle Kinder. Verdiene genug um davon gut leben zu können. Wie kann man da sagen, es ginge einem nicht gut? Wo es doch so viele andere gibt, denen es wesentlich schlechter ging. Ja, mir war oft speiübel, bekam Panikattacken, ich schlief schlecht, weinte viel. Aber das taten andere auch. Also sagte ich: „Danke, gut.“, wenn es gerade irgendwie auszuhalten war. Vielleicht auch, weil sonst die Frage gekommen wäre: Warum? Was ist denn los? Auch von denen, die wussten dass ich an Depressionen erkrankt war. Wie könnte man es ihnen übel nehmen. Wer selber nie daran erkrankt war, kann es nicht wirklich nachvollziehen. Aber immer wieder erklären wollte ich auch nicht. Weil man sich das selber nicht erklären kann.

Und außerdem ging es mir ja auch schon besser als zu dem Zeitpunkt, als ich mit schweren Depressionen und Suizid-Gedanken in Therapie ging. Das war doch schon ein Fortschritt.

Das und noch viel mehr, ging mir durch den Kopf bis ich nicht weiter drüber nachdenken wollte. Ich  machte ja eine Therapie. Arbeitete an mir. Für die restliche Zeit hieß es durchhalten. Ja, ich hab mir die Zeit versucht schön zu reden, weil es für mich über-lebenswichtig war. Ich war nicht gern allein, war einsam, sehnte mich nach Liebe, die ich nie bekommen hatte. Diese Gedanken zogen mich runter. Immer wieder. Dachte, ich müsste nur geliebt werden, nur einmal von einem Partner so geliebt werden, wie es sein sollte, wie man es sich vorstellt. Dann wäre alles gut.

Heute weiß ich: Ist es nicht. Ein Partner kann nicht auffangen, was in der Kindheit schief lief. Die fehlgesteuerten, lange falsch erlernten Verhaltensweisen und Gedanken, die direkt in die Depression führten. Das zu erwarten, wäre sehr unfair. Kein Partner kann das leisten. Er ist kein Therapeut, er ist Partner. Die Liebe eines Partners kann Symptome für eine gewisse Zeit lindern. Er kann stützen.  Natürlich tut Liebe gut, Arme, die einen halten, Streicheleinheiten, Sex. Man fühlt sich „geheilt“. Ein trügerisches Gefühl. Weil ja nun endlich das da ist, was fehlte. Doch was ist, wenn die Beziehung zerbricht? Oder sie zu zerbrechen droht? Dann fängt man wieder dort an, wo man vorher war. Die Eifersucht, Verlustängste, Panikattacken, Tränen, Minderwertigkeitsgefühle, ich bin nicht gut genug, niemand liebt mich usw usw. Alles wieder da. Und wer ist Schuld? Der Partner! Weil er nicht bleibt, weil er das sichere Gefühl, das man für eine Zeit spürte wieder mitnimmt.

Nein, so geht Liebe nicht. So geht Abhängigkeit. Sie sagt: „Wenn du gehst, geht es mir schlecht. Ohne dich kann ich nicht leben.“ Abhängigkeit kettet den Partner an. Nimmt ihm die Luft zum atmen. Erpresst ihn.

Es geht hier nicht um Schuld. Depression ist und bleibt eine Krankheit. Und doch geht es um Verantwortung und den Willen zu lernen. Meine Therapeutin lenkte mich, Antidepressiva sorgten in den ersten 3 Jahren dafür, dass ich Kraft sammeln konnte. Doch die eigentliche Arbeit aus der Depression konnte nur ich selbst leisten. Für mich selbst. Einen Weg zu finden, wie ich dort raus komme. Ich wollte da raus. Ich wollte nicht, dass ich meine Kinder damit belaste,  wenn ich denke, ich lebe nur noch für euch. Was wäre, wenn ich das irgendwann nicht mehr kann? Sie sollten sich nicht schuldig fühlen, wenn ich aufgeben müsste. Sie können am wenigsten dafür. Ich wollte, dass sie frei sind. In ihrem Handeln, in ihrem Leben. Dafür musste ich für mich selber sorgen. Ich wollte dieses Familienerbe durchbrechen. Ihnen zeigen, man kann etwas ändern, es muss nicht alles immer so weiter gehen. Kein: Täglich grüßt das Murmeltier. Ich möchte, dass sich die Menschen, die ich liebe,  frei fühlen können in meiner Liebe. Auch, wenn sie gehen. Es ist ihr gutes Recht und ich habe mein eigenes Leben gefunden. Ich möchte, dass sie sich frei fühlen können, so frei, wie ich mich fühlen möchte.

Und ich habe die Liebe gefunden. Anders, als ich sie mir damals erträumte. Aber sie ist da, überall. Und vor allem in mir. Dafür bin ich dankbar. Den Menschen, die mich auf diesem Weg – wenn auch nur stückweise – begleitet haben. Aber auch mir, dass ich diese Kraft hatte und den starken Willen.

Ich habe Frieden geschlossen mit den Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass ich so wurde. Sie wussten es nicht besser.

Ich tue Dinge, die mir Spaß machen. Einfach so. Ich wusste gar nicht, dass man sie tun kann, auch wenn man nicht außergewöhnlich gut darin ist. Ich singe im Chor, obwohl man mir sagte, ich kann nicht singen und ich werde Klavierspielen lernen. Nur für mich. Das fühlt sich verdammt gut an.

Mir machen übrigens genau die Dinge die meiste Freude, von denen mir alle abgeraten hätten oder versuchten mir abzuraten. Sie schauten mich schief an, schüttelten den Kopf. Ich tat es trotzdem. Denn ich weiß am Besten, was gut für mich ist.

Das Schönste ist, dass auch meine Kinder meine Veränderung wahrnehmen. Sie finden mich übrigens nicht „verrückt“. Sie finden es klasse, egal was ich tue, solange ich Spaß dabei habe. Meine jüngere Tochter (20) sagte neulich zu mir: „Es ist so schön zu sehen, wie du immer mehr wieder zu dir zurück findest.“Und sie sah glücklich dabei aus und ich war es auch. Bin es.

Danke.

(Der tiefste Punkt und Ausbruch meiner schwersten Depression war Mitte 2005. Es war ein langer, harter Weg. Er lohnt sich.)