Ist Liebe bedingungslos?

Ich denke, grundsätzlich erst einmal ja, denn wenn man an die Liebe Bedingungen stellt, ist es keine Liebe sondern Berechnung. Dass ich den Kontakt zu dem Menschen aufrecht erhalte, den ich liebe, hängt davon ab, wie er mich behandelt. Die Bedingung für den Kontakt ist also Respekt. Respekt ist nicht die Bedingung dafür, was und ob ich etwas empfinde/liebe. Doch ich sollte mich fragen, wieso ich mich in jemanden verliebe, wenn er mich schlecht behandelt. Spätestens da stimmt wohl etwas nicht. Aber das ist ein anderes Thema, das ich hier nicht weiter ausführen will.

Ob ich liebe und wen, das suche ich mir nicht aus. Es passiert einfach und dann ist das Gefühl da und es scheint so, dass es auch nicht wieder weg geht, wenn es wirklich tief war. Und das ist tatsächlich oft unabhängig davon, wie man von dem, den man liebt, behandelt wird. Das schaltet die Liebe nicht ab. Für Gefühle gibt es keinen Schalter. Liebe endet auch nicht einfach, nur weil man sich trennt.

Ich bin außerdem der Meinung, dass man nicht unbedingt zurück geliebt werden muss. Das wäre wünschenswert, ist aber keine Bedingung. Solange es einem gut tut zu lieben, finde ich das vollkommen ok. Gut tut es oft dann, wenn man mindestens respektvoll behandelt wird. Wenn es den anderen kümmert, wie es einem geht, wie es bei Freundschaft der Fall ist. Ebenso eine Form von Liebe.

Es gab Menschen in meinem Leben, die behaupteten mich zu lieben, mich aber sehr schlecht behandelten. Und umgekehrt Menschen, die sagten, dass sie nicht dasselbe für mich empfinden wie ich für sie und trotzdem fühlte es sich sehr gut an. Viel besser als alles, was ich vorher erlebte.

Es geht also meiner Meinung nach nicht (unbedingt) darum, ob man zurück geliebt wird, sondern darum, wie man behandelt wird. Und ich denke, es ist auch eine Form von Liebe Menschen gut zu behandeln, die einem wichtig sind. Das schafft Vertrauen und Vertrauen ist immer eine gute Basis.

Schaden Menschen einem dauerhaft und nützen klärende Gespräche nichts, sollte man ernsthaft darüber nachdenken von diesen Menschen Abstand zu nehmen, bevor man daran zugrunde geht. Wann es Zeit dafür ist, muss jeder für sich selber entscheiden.

Bedingungslos zu lieben, bedeutet also nicht, sich bis zum Nervenzusammenbruch aufzuopfern. Das ist Abhängigkeit.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Ronald Dempfel, der mir die Verwendung seines wunderschönen Fotos als Beitragsbild erlaubte.

Danke fürs Lesen.

Eure

Silent Write

 

Wie geht es dir? …und andere Frechheiten.

Hier sollte ein ziemlich langer, aufgeregter Text darüber stehen, dass sich jemand darüber aufregt, wenn er gefragt wird, wie es ihm geht. Dass es ihn aggressiv macht und er deshalb am liebsten zuschlagen würde. Ich habe den ganzen Text wieder gelöscht.

Traurig so eine Aussage und dumm. Es gibt viele Menschen, die freuen sich, wenn sich jemand dafür interessiert, wie es ihnen geht und es gibt leider viele Menschen, die haben niemanden, der sich dafür interessiert.

Ich habe beschlossen mich nicht aufzuregen. Dank eines Freundes, der mich in sekundenschnelle erdete und mir klar machte, wie dumm es ist, sich über dummes aufzuregen.

Statt dessen möchte ich mich bedanken. Bei ihm, und bei den vielen Menschen in meiner Timeline, die sich noch über ehrliches Interesse freuen können. Die unterscheiden können. Die geduldig und unaufgeregt sind. Die nicht jedes Interesse als Angriff sehen.

Die sich dafür interessieren, wie es anderen geht. Bitte hört damit nicht auf.

Danke!

 

Übers Kämpfen, Verlieren und dass das alles völlig normal ist. Wenn man keine Depressionen hat.

Wer hat nicht schon mal an sich gezweifelt?
Wer hat nicht schon mal einen Kampf verloren?

Ich habe schon um vieles gekämpft und oft verloren. Vermutlich lag es manchmal daran, dass ich um das Falsche kämpfte. Wer weiß, vielleicht war es sogar gut, dass ich den Kampf verlor, auch, wenn es sich ganz sicher erst einmal nicht so anfühlte. Die Selbstzweifel waren groß. Ich war nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht hübsch genug, nicht interessant genug, nicht stark genug, nicht fröhlich genug, einfach nicht genug.

Das Ganze kann man hervorragend auf die Spitze treiben. Schließlich kann man bei sich selbst das Messer am besten ansetzen. Man kennt sich ja gut genug und weiß, wo es so richtig weh tut. Weh tun ist oft ein altbekanntes Gefühl. Die Depression ist dabei ein hervorragender Helfer. Sie wartet bloß auf diese schwachen Momente um sich darauf zu stürzen. Einem das Gefühl von Versagen einzureden. Sie steuert die Gedanken, die Gefühle und wenn es ganz schlimm kommt, auch die Taten. Alles wird verstärkt. Die Trauer, die Wut, Hass gegen sich selbst, Verachtung über das eigene Versagen, nichts richtig machen zu können, das ganze Gefühlsleben gerät aus den Fugen. Wenn die Gefühle einen dann so überschwemmen, dass man sie nicht mehr aushält, rettet man sich in die Gefühllosigkeit. Starrt nur noch vor sich hin, bekommt nichts mehr mit. Tunnelblick. Jeder Einfluss von außen überfordert. Das Denken wird möglichst abgeschaltet. In diesem Stadium ist man zu den einfachsten Dingen nicht mehr fähig. Ein Einkaufszettel überfordert schon. In den Supermarkt gehen und einkaufen wird unmöglich.

Diese Gedanken sucht man sich nicht aus. Sie sind da und sie haben einen Ursprung. Irgendwo. Mit etwas Glück findet man Therapeuten, die einen in die richtige Richtung lenken. Die einen Ernst nehmen.  In meinem Fall haben mir Medikamente erst einmal das Leben gerettet. Drei Jahre habe ich sie genommen. Dann hatte ich das Gefühl stark genug zu sein, sie abzusetzen.

Doch was mindestens genauso wichtig war, war ein Freund. Jemand, der mir – sehr unaufgeregt – immer wieder wenn meine Gedanken in diese falsche Richtung gelenkt wurden, zeigte, dass ganz viele Menschen solche Probleme haben. Oft denkt man ja, andere kriegen das alles locker hin. Die haben ihr Leben im Griff.

Haben sie nicht unbedingt. Es fällt nur nicht so auf. Die Menschen sprechen selten über ihre kleinen oder großen Niederlagen. Sie haben keine Depressionen. Sie haben gelernt, dass Niederlagen etwas Normales sind. Dass es nicht an einem persönlich liegen muss, wenn etwas nicht klappt. Sondern dass das einfach passiert. Jedem Menschen. Das gehört zum Leben dazu. Sie haben gelernt an Dingen Spaß zu haben, ohne dass sie perfekt sein müssen. Sie haben gelernt, dass eine Niederlage kein persönlicher Weltuntergang ist. Sie können trauern um z. B. eine verlorene Beziehung ohne sich immer selbst die Schuld für alles zu geben. Es gibt nicht immer einen Schuldigen. Meist sind es zwei, manchmal ist es auch keiner. Dann passte es einfach nicht. Gefühle kann man nicht erzwingen.

Obwohl ich die Depression inzwischen soweit bekämpft habe, dass ich ein recht normales Leben führen kann, ist es ein ständiger, kraftraubender Kampf nicht in alte Muster zu verfallen. Es ist so schön, wenn es gut läuft. Ein tolles Gefühl sich begehrenswert zu fühlen, gemocht, beliebt, glücklich. Diese Gefühle möchte man dann festhalten, weil man sie so lange entbehren musste. Man möchte die Zeit anhalten, damit das Gefühl nie mehr geht. Doch so geht Leben nicht. Leben ist ein Auf und Ab zu dem Trauer gehört. Das Leben ist auch sterben. Menschen müssen gehen, viel zu früh, die einem viel bedeutet haben. Sehr viel. Das sind Momente, in denen die Depression lauert. In denen ich mir immer wieder sagen muss, dass es normal ist. Dass ich es akzeptieren muss. Dass es weiter geht. Stabilität wäre dann schön. Doch auch das gibt das Leben nicht immer her. Ein hässliches Sprichwort sagt: Ein Unglück kommt selten allein. Statt Stabilität gibt es Ärger, Streit, der einem doppelt schlimm vorkommt in dem Moment.

Die Trauer annehmen, als etwas Normales. Und alles was zur gleichen Zeit passiert ebenfalls annehmen. Jedes für sich. Einzeln. Das ist nicht leicht. Kostet Kraft. Kostet Tränen. Aber es ist zu schaffen und es wird auch wieder besser. Wenn man es zulässt. Ich bin bereit, diesen Kampf zu kämpfen. Immer und immer wieder. Weil es sich lohnt. Weil ich leben möchte. Weil ich etwas erleben möchte. Das Leben spüren möchte, mit allem was dazu gehört. Ich will raus aus der Opferrolle und lenke mein Leben selbst, soweit es möglich ist.

Ich habe den ersten Kampf gegen die Depression gewonnen, als ich aufhörte gegen sie zu kämpfen und sie annahm. Als ein Teil von mir.

Und jetzt, nehme ich das Leben an. Stück für Stück.

Chaos im Kopf oder Warum ich manchmal erst zwei Stunden später als geplant frühstücke.

Es ist Wochenende. Endlich gemütlich frühstücken. Ich schaue in den Kühlschrank und stelle fest, die Marmelade ist leer. ‚Kein Problem‘, denke ich noch, ‚im Keller steht genug selbstgemachte im Regal. Hol ich mir schnell welche.‘

Da ich sowieso gerade auf dem Weg in den Keller bin, kann ich schnell den Plastikmüll runter bringen. Ich öffne den Mülleimer: Oh, der Hausmüll muss auch raus. Gesagt, getan. Müll raus, Eimer gesäubert, neue Tüten rein.

Achja, die Marmelade!

Plastikmüll geschnappt, runter in den Keller und ab in die Tonne damit.

Da fällt mir ein: In der Waschmaschine ist noch Wäsche, wo ich gerade hier unten bin …

Ich komme in den Waschkeller, die Leinen voll mit Wäsche. Ich nehme die Wäsche ab, lege sie zusammen,  hänge neue auf und schleppe den Korb mit der fertigen Wäsche in den 1. Stock. Dort räume  ich die Sachen in den Schrank.

Ach, wo ich jetzt wieder runter gehe, nehme ich doch gleich die Schmutzwäsche mit.. Wieder damit runter in den Keller.

So, jetzt aber frühstücken!

Oben in der Küche fällt mir ein: Die Marmelade! Wieder runter in den Keller.

Diesmal hole ich tatsächlich die Marmelade hoch und kann zwei Stunden später endlich frühstücken.

 

Depression aus unterschiedlichen Blickwinkeln – @silent_write und @daunenhart im Gespräch

SK und wie er die Dinge sieht

depDepression

Begriff aus der Medizin, genauer Psychologie. Eine sich in tiefer Niedergeschlagenheit u.a. ausdrückende seelische Erkrankung. Kurzwort: Depri
Umgangssprachlich, Traurigkeit.

So steht es im Duden und ganz ehrlich, das klingt jetzt nicht sonderlich schlimm. Wenn man noch nie mit der Erkrankung zu tun hatte, dann versetzt einen diese kurze Erklärung nicht in Panik. Man könnte sagen, ah, nur eine Depression. Ist halt alles traurig und bestimmt hat man dann auch viele traurige und negative Gedanken. Bestimmt weint man da oft und bleibt lieber zu Hause. Ich war auch schon mal traurig und dann war ich es nicht mehr, weil ich nicht mehr traurig sein wollte. So schlimm wird das also nicht sein und vielleicht sollte man einfach mal wieder rausgehen, einen lustigen Film schauen oder sich einfach mal zusammenreißen. Man muss halt darüber reden und bestimmt gibt es in der heutigen Zeit genug Medikamente, die das wieder ins Gleichgewicht bringen…

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Depression aus unterschiedlichen Blickwinkeln – @daunenhart und @silent_write im Gespräch

Depression

Begriff aus der Medizin, genauer Psychologie.
Eine sich in tiefer Niedergeschlagenheit u.a. ausdrückende seelische Erkrankung. Kurzwort: Depri Umgangssprachlich, Traurigkeit.

So steht es im Duden und ganz ehrlich, das klingt jetzt nicht sonderlich schlimm. Wenn man noch nie mit der Erkrankung zu tun hatte, dann versetzt einen diese kurze Erklärung nicht in Panik. Man könnte sagen, ah, nur eine Depression. Ist halt alles traurig und bestimmt hat man dann auch viele traurige und negative Gedanken. Bestimmt weint man da oft und bleibt lieber zu Hause. Ich war auch schon mal traurig und dann war ich es nicht mehr, weil ich nicht mehr traurig sein wollte. So schlimm wird das also nicht sein und vielleicht sollte man einfach mal wieder rausgehen, einen lustigen Film schauen oder sich einfach mal zusammenreißen. Man muss halt darüber reden und bestimmt gibt es in der heutigen Zeit genug Medikamente, die das wieder ins Gleichgewicht bringen. Bestimmt will das gar nicht jeder glücklich sein, sonst wäre ja keiner andauernd traurig.

Das ist natürlich sehr überspitzt ausgedrückt, aber nicht so weit weg von mancher Meinung. Die erkrankte Seite macht es nicht immer sehr viel besser. Oft liest man, dass ein gesunder Mensch, einen Kranken sowieso nicht versteht, weil keiner in der Lage ist, das zu verstehen, der selbst nicht erkrankt ist. Das will sich sowieso keiner zumuten und überhaupt, man versteht sich selber nicht, wie soll das dann ein anderer tun, der gesund ist? Das kann nur schiefgehen. Man bleibt unter sich oder allein und erspart es sich enttäuscht zu werden. Man muss sich ja verstecken. Auch das ist grob und überspitzt ausgedrückt, aber Sie ahnen es, nicht kompletter Blödsinn.

Vor einiger Zeit hatten der liebe @daunenhart und ich die Idee, lass uns mal was zusammen schreiben. Jeder aus seiner Sicht. Wir haben fünf gemeinsame Fragen gefunden, die jeder für sich beantworten konnte und fünf weitere Fragen hat einer dem anderen gestellt. Das Ganze passierte ohne persönliches Treffen und Kennenlernen und nur schriftlich und telefonisch. Keiner kannte vor dieser Veröffentlichung die Antworten des Anderen. Wir hatten vorher schon oft Kontakt und haben stundenlang telefoniert.

Wir haben uns gegenseitig unsere Fragen zu dem Thema beantwortet und merkten immer mehr, wie hilfreich das ist, sich so auszutauschen. Die Problematik auch einmal aus der Sicht des anderen zu betrachten.

Kurz zu mir: Die Depression zeigte sich (wie ich im Nachhinein weiß) schon sehr früh in meiner Kindheit. Die schwere Depression mit Suizidabsicht brach im Laufe des Frühjahrs 2005 nach einem konkreten Vorfall aus, der meine Seele komplett überforderte. Im Juli 2005 begann ich meine 1. Therapie mit Medikamenten, die wöchentlich bis Oktober 2008 stattfand. Im Mai 2008 begab ich mich auf eigenen Wunsch in eine Kur, die mich beim Absetzen der Medikamente erfolgreich unterstützte. Seitdem komme ich ohne Antidepressiva durch die Depressionen. Eine zweite Therapie startete ich (ohne Antidepressiva) im Herbst 2014 mit einer Dauer von ca. einem Jahr. Danach ging es mir stetig besser, bis vor einigen Wochen eine Ansammlung von Ereignissen, die mich in ihrer Fülle überforderten, kurz aus der Bahn schmiss. Die mir aber auch zeigte, was ich inzwischen durch 2 gute Therapien und der Geduld und dem Verständnis der Menschen in meiner persönlichen Umgebung in der Lage bin zu bewältigen.

Das ist die Kurzfassung über meine Situation. Ich bin sozusagen die andere Seite dieses gemeinsamen Blogs. Nur damit Sie wissen, wer hier die folgenden Fragen beantwortet.

Als erstes nun also die oben genannten fünf gemeinsamen Fragen, die ich aus meiner Sicht wie folgt beantwortete:

  1. Kann man Menschen aus dem privaten Umfeld alle Emotionen und Gefühle ungefiltert zumuten?

    Ich denke, das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen, finde ich es wichtig abschätzen zu können, wie viel davon der andere aushalten kann. Aus der Sicht einer Depressiven kann ich sagen, dass man oft mit all seinen – manchmal merkwürdigen und unlogischen, von der Depression gesteuerten – Gefühlen überfordert ist. Wie soll ein gesund denkender Mensch sie nachvollziehen und einordnen können? Mal abgesehen davon, dass er sich ja auch Sorgen macht über den Gesundheitszustand eines nahe stehenden Menschen. Ich würde sogar soweit gehen, dass sehr empathische Menschen gefährdet sind, selber depressiv zu werden.

    Das einzuschätzen ist natürlich in einer tiefen Phase der Depression für den Depressiven nahezu unmöglich, wenn nicht sogar völlig unmöglich. Da ist dann der gesunde Mensch gefragt auch mal zu sagen: Stopp, das überfordert mich gerade. Das darf und muss er meiner Meinung nach tun. Auch dann, wenn der Depressive sich dann abgelehnt fühlt. Der gesunde Mensch muss für sich selber sorgen.

    Sobald es dem Depressiven möglich ist, sollte er sich seiner Verantwortung aber auch wieder bewusst werden anderen nicht ALLES zuzumuten, es sei denn, beide wollen das ausdrücklich. Da wäre eine klare Absprache vorher und ein ständiger Austausch absolut sinnvoll.

  2. Woran erkenne ich, wann ich den Menschen vor mir habe und wann die Krankheit?

    Ich habe lange überlegt, wie ich diese Frage beantworte. Kann man den Menschen von der Krankheit überhaupt trennen? Kann oder konnte man das bei mir? Ich kann das nicht klar mit ja oder nein beantworten. Denn der Mensch, der ich bin, steckt ja auch in der depressiven Phase in mir. Vermutlich erkannte man welchen „Teil“ man von mir vor sich hatte in dem Moment, in dem ich völlig unverständlich und gegensätzlich zu dem handelte, was man von mir gewöhnt war. Ich merkte das jedoch sehr schnell, wenn ich wieder einmal – fremdgesteuert von der Depression – völlig überreagiert hatte. Ungerecht dem anderen gegenüber. Dafür habe ich mich geschämt, mir Vorwürfe gemacht, das dann aber auch recht schnell demjenigen gesagt und mich auch dafür entschuldigt und bei Bedarf erklärt. Allerdings nur bei den Menschen, die mir nahe standen/stehen.

    Wenn ich sonst eher friedlich und fröhlich war, war ich während der depressiven Phase oft gereizt, empfindlicher als sonst, voller Selbstzweifel, blockte ab, zog mich zurück. Die Depression nimmt massiv Einfluss auf das Gefühlsleben und den Tagesablauf. Das hat sich etwas gebessert, ist aber immer noch nicht ständig weg. Die Abstände werden jedoch immer größer.

    Kannte man den Depressiven vor seiner Erkrankung schon, erkennt man die Wesensänderung am deutlichsten. Allerdings verändert die Depression den Menschen auch während der Krankheit. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er nie mehr der wird, der er vorher war. Und das ist meistens gut für den Depressiven, weniger für sein Umfeld. Er wird sich vermutlich nicht im Kern ändern, wohl aber im Umgang mit anderen Menschen.

    Ungleich schwerer ist es zu erkennen, wenn man den Depressiven vor der Depression nicht kannte. Dann braucht es Zeit und Vertrauen. Zeit, in der man aufmerksam zuhören, beobachten muss, wenn man verstehen will, welche Person hinter der Depression steckt.

    Ich glaube jedoch, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der wahre Kern sich am deutlichsten zeigt, wenn der Depressive in einer guten Phase steckt. Wenn er befreit von den depressiven Gedanken handeln und reagieren kann.

  3. Wann sollte ein Mensch seine Erkrankung einem gesunden Menschen anvertrauen?

    Wenn sein Bauchgefühl ihm dazu rät. Ich für meinen Teil habe damit die besten Erfahrungen gemacht. Klar kann man sich mal irren aber das ist ja im Leben immer so. Meine 1. Therapeutin hat mal zu mir gesagt: „Hören sie auf Ihre Intuition, die funktioniert nämlich ganz gut, Sie trauen ihr nur nicht genug.“ Das habe ich dann so gut es mir möglich war geändert.

    Im Beruf z. B. halte ich es für besser, dass es nicht zu viele wissen. Mein Chef hat mich damals darum gebeten und meine erste Reaktion war, dass ich mich darüber geärgert habe. Warum sollte ich das verheimlichen? Das ist doch nichts wofür man sich schämen muss! Das stimmt auch. Doch bin ich mir heute ziemlich sicher, dass man diesen „Stempel“ Depression nie wieder los wird. Jede Reaktion wird auf die Depression geschoben. Entweder es wird hinter dem Rücken getuschelt oder es wird einem nichts mehr zugetraut. Rücksichtnahme ist etwas tolles, jedoch nicht dann, wenn man von interessanten, anspruchsvolleren Aufgaben verschont wird, weil man mich nicht belasten will oder mir die Belastung schlicht nicht zutraut. Das würde mich nur zusätzlich frustrieren.

    Ansonsten würde ich sagen, dass immer dort Offenheit und Ehrlichkeit über meine Erkrankung angebracht ist, je näher mir jemand steht. Das finde ich nur fair.

  4. Wo liegt die Grenze zwischen Verständnis für einen depressiven Menschen und ständiger Selbstaufgabe?

    Die Grenze liegt genau da, wo die ständige Selbstaufgabe beginnt. Es spricht nichts dagegen, seine eigenen Bedürfnisse ab und zu zurück zu stellen. Aus Rücksichtnahme. Doch absolute Selbstaufgabe führt den anderen unweigerlich auch in die Depressionen oder andere Krankheiten. Gesund kann das nicht sein.

    Was mich angeht würde mir das auch nicht helfen. Denn bei ständiger Rücksichtnahme anderer habe ich keinen Grund mehr, mich selbst zu bewegen und etwas an meinem Zustand zu ändern. An mir zu arbeiten. Gegen die falschen Gedankengänge, die mich in die Tiefe ziehen wollen, anzugehen.

    Das geht nicht ohne harte Arbeit. Denn in akuter Depression sorgt meine Krankheit dafür, dass ich jedes Abgrenzen des anderen als Ablehnung oder Desinteresse empfinde. Nur dann, wenn mein Partner/Freunde/Familie ruhig und fest in ihrer Haltung bleiben, zu Gesprächen bereit sind und mir auch mein falsches, manchmal unfaires Verhalten deutlich spiegeln, kann ich das selbst erkennen und gegen meine Krankheit angehen. Dabei haben mir meine beiden Therapeutinnen in 2 Therapien (3,5 Jahre und 6 Jahre später noch einmal 1,5 Jahre) ebenfalls hervorragend geholfen, so dass ich heute soweit bin, es sehr schnell selber zu erkennen, wenn ich mal wieder in alte Muster zurück gefallen bin.

  5. Was wünschst du dir für den Umgang zwischen depressiven und gesunden Menschen?

    Das, was ich mir für den Umgang zwischen allen Menschen wünsche: In erster Linie gegenseitigen Respekt und rücksichtsvolles Verhalten in einem gesunden Maß, ausdrücklich von beiden Seiten. Wenn die Depression für eine Überreaktion sorgte, ist es kein Akt sich hinterher dafür zu entschuldigen und das zu erklären. Schön, wenn der Gesunde einem die Gelegenheit dazu gibt und das nötige Verständnis hat. Die Depression sollte aber nicht als Ausrede benutzt werden, um sich ständig wie ein Arschloch zu verhalten. Wenn das doch jemand tut, ist es ziemlich wahrscheinlich dass er auch ohne Depression eines ist.

    Aktives Zuhören, ausreden lassen und Rückmeldung geben von beiden Seiten, damit der andere auch weiß, wie das Gehörte angekommen ist bzw. aufgenommen wurde. So können Missverständnisse auch sofort geklärt und ausgeräumt werden.

5 Fragen von @daunenhart an mich:

  1. Welche Bedeutung hätte die Depression für Dich, wenn sie eine Person wäre? Wie würdest du Sie charakterisieren?

    Das wäre wohl die erste Person über die ich sagen würde, dass ich sie aus vollem Herzen hasse. Und im ersten Moment erschreckt mich dieser Gedanke. Ist aber auch genauso ein interessanter Gedanke. Denn ich würde zusehen, dass ich diese Person aus meinem Leben entferne, die nur darauf aus ist, mich zu manipulieren und mir das Leben schwer zu machen. Leider haftet die Person an einem wie mit einer Fußfessel am Bein. Ein Problem, das aber nicht unlösbar ist.

  1. Was würdest du einer Person sagen, die zum Thema Depression sagt, man muss nur wollen?

    Ich würde ihr sagen, dass sie damit nicht ganz unrecht hat. Für diesen Willen muss man jedoch erst einmal Platz im Kopf schaffen und die Kraft dafür entwickeln. Die Depression nimmt in den schlimmsten Phasen allen Raum im Kopf ein und legt jede Möglichkeit selber Initiativen für irgendetwas zu entwickeln lahm. Sie lähmt den Kopf, die Gedanken, den Körper und saugt alle Kraft aus einem. Sobald diese wirklich schlimme Phase, in der man sich völlig fremdgesteuert fühlt vorbei ist, kann man die Kraft für den Willen sammeln. Dieses „nur“ ist also nicht so einfach wie es klingt. Es ist harte Arbeit. Ohne den Willen da raus zu kommen  geht aber gar nichts. Das stimmt.

  1. Glaubst Du, dass es Menschen gibt, die eine Depression als Strafe sehen? Unabhängig davon, dass die Krankheit ihnen das sagt. Sie quasi annehmen als Teil ihres Lebens?

    Ja, ich kann mir vorstellen, dass es das gibt. Depressionen sind wie ein Fluch der auf einem lastet. Am Anfang konnte ich das nicht erkennen, dass die Krankheit mir diese Gedanken einredet. Für mich waren diese negativen Gedanken die Wahrheit, Realität. Es dauert lange, bis man weiß, dass die negativen Gedanken durch die Krankheit fremdgesteuert sind. Manche lernen das vielleicht nie. Das hängt sicher auch von der Schwere der Erkrankung ab. Von dem, was man erlebt hat. Das weiß ich nicht genau. Für mich war es ganz wichtig, die Depression als Teil meines Lebens anzunehmen um mich nicht mehr dagegen zu wehren. Denn dieses Wehren kostet Kraft, die man nicht hat oder für anderes wichtiger braucht. Sich mit etwas abzufinden bedeutet nicht automatisch ewiges erdulden und aufgeben. Sondern erst einmal Erleichterung. Ich nahm sie an als ein Teil von mir und lernte dann, dass sie ein Zeichen war. Ein Zeichen, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste. Ein Hilfeschrei meiner Seele. Sie hatte also auch etwas Gutes für mich. Das kann ich aber erst seit kurzem so sehen. Der Ausbruch meiner schweren Depression ist 11 Jahre her und es ist möglich, dass sie mich nie ganz verlässt.

  1. Wenn man eine Depression auch nicht völlig hinter sich lassen kann, was glaubst du, welche Chancen bestehen mit einer Depression glücklich zu werden?

    Da Glück im allgemeinen sowieso nichts ist, was dauerhaft vorhanden ist, sondern in einzelnen, vielfältigen Momenten stattfindet, halte ich die Chance für sehr gut. Voraussetzung dafür ist, dass die Depression soweit behandelt ist, dass man wieder in der Lage ist zu fühlen. Denn Depressionen belasten einen so sehr, dass man irgendwann dieses Gefühl nicht mehr aushält und alle Gefühle unterdrückt. Sobald man wieder fühlen kann, ist man auch in der Lage Glück zu fühlen. Wie lange das dauern kann, bis es soweit ist, weiß man wohl vorher nie.

    Ich hatte bereits während meiner ersten Therapie viele glückliche Momente, die jedoch von den sehr viel stärkeren und länger anhaltenden negativen Momenten regelrecht überlagert wurden. Dass ich diese glücklichen Momente hatte, kann ich auch erst seit ein paar Jahren rückblickend voller Überzeugung sagen. Und ich muss mich ständig wieder daran erinnern, damit ich es nicht vergesse. Ich habe das Glück nicht als Glück erkannt und so fühlen können. Es gibt ja noch eine Phase zwischen glücklichen Momenten und negativen Momenten, Ereignissen. Ich nenne diese Phase Ruhephase in der ich versuche Zufriedenheit zu spüren. Zufrieden mit dem was ist und was ich habe. Zufrieden damit, dass gerade nichts passiert, das mich herunter ziehen könnte. Auch Zufriedenheit kann einem ein Gefühl von Glück geben und ich bin glücklich, dass es mir trotzdem noch so gut geht bzw, wieder so gut geht. Es könnte schlimmer sein. Nämlich so, wie vor 11 Jahren.

  1. Kann ein depressiver Mensch jemandem wie mir viel Einblick in sein Gefühlsleben geben? Was ist deine Meinung?

    Grundsätzlich ja. Das hängt natürlich auch davon ab, ob der depressive Mensch das überhaupt möchte und kann. Ich konnte am Anfang gar nicht darüber reden was ich fühle. Geschweige denn über das, was in der Therapie besprochen wurde. Aber als es wieder ging hätte ich mir jemanden gewünscht, der soviel Interesse hat und der das auch aushalten und damit umgehen kann, wenn ich ihm meine dunkelsten Gedanken und Gefühle mitteile. Dem steht oft eine Hilflosigkeit von Seiten der Zuhörer gegenüber, die einen dann wieder ausbremst. Denn Depressive wollen auf keinen Fall jemandem zur Last fallen oder einem Menschen, der ihnen wichtig ist, Schaden zufügen. Übermäßige Rücksichtnahme ist oft  ein Grund für den Ausbruch von Depressionen. Fehlender Egoismus und Selbstaufgabe. So war es bei mir und ich habe es auch schon öfter von anderen gehört.

Zunächst vielen Dank für euer Interesse bis hierher und ausdrücklichen Dank auch an @daunenhart für viele interessante Gespräche und die Bereitschaft, diese Idee hier zu verwirklichen.
Wenn ihr auch lesen möchtet, wie @daunenhart seine Fragen beantwortet hat, findet ihr sie hier.

Wenn die Depression sich meldet

Heute habe ich bei @der_emil diesen Tweet und den dazugehörigen Blog gelesen.

Das erinnerte mich an die Frage, die mir vor ein paar Tagen gestellt wurde, ob dadurch, dass sich meine Depression vor ein paar Wochen wieder in heftiger Form zeigte, alle Zeit der Veränderung, der Besserung umsonst waren. Zugegeben eine sehr gute Frage, bei der ich für die Beantwortung auch etwas Zeit zum überlegen brauchte.

Bei mir war sie nicht umsonst. Denn alles was ich gelernt habe in den letzten 11 Jahren, ist ja noch da und ich kann es auch anwenden. Es löscht die depressive Phase nur nicht aus. Es wirkt ihr entgegen und das ist harte Arbeit und braucht Zeit und Geduld.

Der oben genannte Blogbeitrag erinnerte mich daran, wie es mir in den ersten Jahren des Ausbruchs meiner schweren Depression ging. Ich hörte nur noch schwere und traurige Musik. Weltuntergangsstimmung quer Beet. Ich löschte Accounts, Profilbilder. Ersetzte sie durch ein komplett schwarzes Bild. Ich ließ mich tagelang nicht online blicken. Diese Reaktionen ersetzten ein wenig den Wunsch danach mich selbst auszulöschen und damit den Seelenschmerz, der kaum auszuhalten war. Es war auch ein Aufschrei. Ein Hilferuf. Der Wunsch, dass jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Denn aussprechen konnte ich das nicht. Ich hatte es nie gelernt über meine Gefühle zu sprechen oder um Hilfe zu bitten. Außerdem hätte ich auch nicht gewusst, wie mir jemand helfen sollte. Die Depression kann mir niemand abnehmen. Darum bitten, dass einfach jemand bei mir ist und mich hält? Das hätte ich niemals getan. Es wäre mir vorgekommen, als würde ich die Zeit eines anderen vergeuden. Bloß keine Last sein. Meine oberste Priorität. Da sich auch niemand von selber anbot, erübrigte sich der Gedanke.

Heute ist das Gefühl der Depression und des Seelenschmerzes zwar immer noch das gleiche, wie ich mit der Situation umgehe ist jedoch eine völlig andere. Ich treffe möglichst keine Entscheidungen in dieser Zeit. Es sei denn, sie sind für mein Wohlbefinden von größter Wichtigkeit. Ich lösche keine Profile mehr, ändere keine Fotos. Ich ziehe mich zurück, gönne mir in der privaten Zeit Ruhe. Davon brauche ich dann sehr viel. Ich erlaube mir die Dinge, die mir gut tun ohne jemand anderem zu schaden. Ich beriesele mich mit Fernsehserien, Filmen, Dokus. Nur nichts schweres. Leichte Kost. Etwas, das den Strom meines Gedankenkarussells unterbricht. Ablenkung von der Depression ist nicht automatisch wegsehen. Doch mein Kopf braucht diese Pausen. Am wohlsten fühle ich mich dann zu Hause. Allein. In meiner Wohlfühloase. Außer meinen Katzen ist niemand da. Niemand, der mich hilflos ansieht. Niemand der mich beobachtet. Niemand dem ich Rechenschaft ablegen muss darüber, wann ich aufstehe, wann ich frühstücke, wann ich mich wasche und anziehe. Niemand, den ich mit meiner Depression belasten könnte. Alles geht nach meinem Rhythmus. Wenn es wieder besser geht, kann ich mich mit mehr beschäftigen. Manchmal lesen, Musik hören. Lesen konnte ich jahrelang überhaupt nicht oder wenn, dann nur für andere. Vorlesen, das ging und machte mir Spaß. Je besser es mir wieder geht, umso aktiver werde ich auch. Dann schaffe ich es zum Sport oder unter Menschen. Besuche Freunde oder mit ihnen Konzerte. Am liebsten sind mir jedoch grundsätzlich kleine Gruppen. Drei bis vier Leute um mich. Das ist das maximale. Alles andere kostet jede Menge Kraft und ich isoliere mich dann automatisch.

Ich weiß heute, wenn es bergab geht, dass es auch wieder bergauf geht. Ich halte das aus. Ich muss da durch. Das ist mir bewusst.

Es gibt Tage, da wache ich auf und bin tieftraurig. Wenn ich frei habe, liege ich da so 1 – 2 Stunden. Spätestens dann machen die Katzen Radau weil sie Hunger haben. Wenn ich dann einmal auf bin geht es. Dann komme ich durch den Tag. Wenn ich es nicht zum einkaufen schaffe, esse ich eben das, was da ist. Irgendwas ist immer da. Mir reicht das. Verhungern werde ich so schnell nicht. Ich sehe das positiv. So werden mal Lebensmittel aufgebraucht, die sonst nur schlecht werden. Ich möchte auch gar nicht mehr, dass das jemand für mich übernimmt. Das ist meine Verantwortung. Es wäre auch nicht gut, das abzugeben. Das würde mich nur dazu verleiten mich durchhängen zu lassen.

Durch diese erlernten Verhaltensmuster geht es schneller wieder bergauf. Es dauert, solange wie es eben dauert mit dem Wissen, auch diese Phase geht vorüber.