Umfrageergebnis: Was wünsche ich mir in der Depression von meinen Mitmenschen?

Zur Vorgeschichte: Vor einigen Tagen retweetete man mir eines der Bildchen mit „Depressions-Bingo“ in die Timeline. Für die, die nicht wissen, was das ist:

Diese Tabellen habe ich seit Jahren immer wieder in unterschiedlichen Zusammenstellungen gesehen und auch geteilt. Einige dieser Sätze hat sicher jede/r Depressive selbst schon einmal gehört. Die Schlimmsten (verletzende, abfällige Sprüche) sind mir Dank eines tollen Umfeldes erspart geblieben. Einiges davon ist dumm und verletzend. Einige treffen auch den Kern des Problems und tun deshalb weh, weil man es oft selber weiß aber sich weder in der Lage fühlt, etwas daran zu ändern, noch es in Worte zu fassen. Bei einigen vermute ich Hilflosigkeit. Hilflosigkeit des direkten Umfelds, das vielleicht noch nie mit depressiven Menschen zu tun hatte. Mir fehlt da das gegenseitige Verständnis. Ich kenne beide Seiten und ich kenne auch die Hilflosigkeit. Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, was man tun kann, so viele Fragen, die einem durch den Kopf gehen.

  • Was kann ich tun?
  • Soll ich überhaupt was tun?
  • Soll ich bleiben?
  • Soll ich sie/ihn in Ruhe lassen?

Diese und  viele Fragen mehr, die den Betroffenen in einer tiefen Depressionsphase völlig überfordern. Oft weiß man in der schwersten Zeit selber nicht, was man braucht. Hat gleichzeitig das Bedürfnis nach Ruhe und wenn man diese Ruhe hat, fühlt man sich einsam. Ein Teufelskreis.

In der Depression ist es schwer einen klaren Gedanken zu fassen, worauf wohl auch zurückzuführen ist, dass wie in der Umfrage ersichtlich, wenige gefragt werden möchten, was sie sich wünschen und man weiß auch selber oft in dem Moment nicht, was man will. Aber es gibt Zeiten, mal sehr kurze Zeiten oder auch längere, in denen es wieder etwas besser geht, in denen die Sprachlosigkeit, die Kraftlosigkeit etwas nachlässt. Das sind die Zeiten, die man dafür nutzen kann seinem Umfeld zu sagen, was man sich von ihnen wünscht und was sie bitte lassen sollen.

Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Bedürfnisse so unterschiedlich sind, wie die Erkrankung selber, erstellte ich eine Umfrage auf Twitter.  Mein Wunsch war, dass jeder, der es gerade kann formuliert, was er sich wünscht. (Was unerwünscht ist, sollte inzwischen bekannt sein, trotzdem ist es sinnvoll auch da weiter zu informieren.)

Die Resonanz war überwältigend. Damit habe ich nicht gerechnet, hatte aber viel Freude an dem Austausch. Vielen Dank, dass sich so viele auch aktiv durch Replies beteiligt haben!

An der Umfrage beteiligten sich insgesamt 892 Betroffene und wählten wie folgt:

Grafik Depressionen

Bingo mal anders

Am wichtigsten war für 45 % die „ganz normale Behandlung“. Das heißt für mich, keine Sonderbehandlung, keine Samthandschuhe. Wenn man respektvoll (25%) miteinander umgeht, bedeutet das auch: Kein zusätzlicher Druck, keine Anweisungen, sich nicht lustig machen, keine Abwertung. Lediglich eine Rückmeldung bekam ich, dass bei eigener Antriebslosigkeit Motivation von anderer Seite gewünscht ist. Das bleibt wohl eher die Ausnahme. Denn oft genug fehlt einfach die Kraft für Unternehmungen/Sport etc.

Viele Rückmeldungen wünschten sich Akzeptanz. Die wenigsten Menschen, die selber nie von Depression betroffen waren, verstehen was in Depressiven vorgeht. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich und nötig. Bei anderen Krankheiten/Verletzungen kann man den Schmerz auch oft nicht nachvollziehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Höchstens die Angst davor. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich Depression als Schmerz vorzustellen, was auch oft genug so ist. Der (seelische) Schmerz ist da, nicht immer helfen Tabletten dagegen. Das Beste was man tun kann ist da sein. Da sein, wenn der Betroffene reden möchte, wenn er eine Umarmung (24%) möchte. Dazu gehört sehr viel Empathie, die oft beide Seiten überfordert. Wenn der Erkrankte nicht weiß, was er braucht, woher soll es ein anderer erst wissen? Hellsehen kann niemand.

Meine größte Angst war, von den Menschen, die mir am wichtigsten waren, Freunde, Familie, verlassen zu werden. Ihnen zuviel zu werden. Denn auch für das Umfeld, Partner, Familie, sind diese Depressionen sehr belastend. Das darf man nicht vergessen. Auch sie machen sich Sorgen, sind oft hilflos. Über die Jahre zu sehen, dass sie blieben war mir unendlich wichtig und gab mir Vertrauen.

Viele schrieben, dass sie alle Punkte wichtig finden und sie sich nur schwer entscheiden konnten. Wenn man es genau nimmt, ist der Übergang fließend. Begegnet man sich mit Respekt, macht man keine Vorwürfe oder abfällige Bemerkungen, lästert nicht (Ehrlichkeit) hinter dem Rücken über das „merkwürdige Verhalten“ ohne zu wissen, was los ist. Das sollte normal sein. 

Akzeptanz wurde ebenfalls mehrfach erwähnt. Ganz normaler Umgang und akzeptieren, dass man ist wie man gerade ist und die Art wie man damit umgeht/lebt. Dass der seelische Schmerz ebenso heftig sein kann, wie ein körperlicher, auch, wenn man den seelischen Schmerz nicht sehen kann (wie z. B. bei einem gebrochenen Bein).

Verständnis für die Situation, für Schwächen, dass man etwas gerade in diesem Moment nicht tun kann, was sonst geht und auf Ratschläge verzichten. Ebenso Verständnis dafür, dass man gefühlsmäßig anders reagiert als sonst. Das finde ich persönlich auch besonders wichtig.

Weitere Wünsche waren: 

  • Zuhören – mal still, mal aktiv
  • Gespräche wenn gewünscht
  • Zuwendung
  • Anteilnahme
  • Rücksichtnahme (ohne Mitleid)
  • Wahr und ernst genommen werden. (Nicht ignoriert werden. Keine aufgesetzte gute Laune. Gefühle unkommentiert zur Kenntnis nehmen)
  • sich willkommen fühlen können, auch ohne gute Laune
  • Keine Benachteiligung im Beruf! 

Ebenfalls einen ganz wichtigen Hinweis fand ich die Bitte, dass die Angehörigen auch auf ihre Grenzen achten. Mitgefühl ist gut und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, dass man etwas mit-leidet, wenn es einem geliebten Menschen so schlecht geht. Es belastet jedoch zusätzlich, wenn der Depressive sich um den Partner etc. auch noch Gedanken machen muss. Also bitte, achtet auf euch! Auch die Partner, Familie, Freunde haben eine Auszeit verdient und nötig.

Auf eine schöne Reply vom Melancholeriker möchte ich zum Abschluss noch hinweisen. Er wünscht sich positive Sätze, die sicher allen helfen würden.

„Du, deine Tränen ekeln mich nicht. Deine Traurigkeit macht mir keine Angst. Du darfst auch wuetend sein. Wenn du willst bin ich da + bleibe.

Du musst dich nicht vor mir schaemen. Du musst mich nicht beschützen. Ich weine gern mit dir, wie auch lachen.

Zu guter Letzt: Ich reiche meine Hand, meinen Arm. Den Zeitpunkt des Ergreifens/ Loslassens bestimmt du allein.“

 

Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges übersehen oder vergessen!
Alle Replies können im Detail unter der Umfrage nachgelesen werden. Ganz herzlichen Dank noch einmal an die vielen tollen Menschen, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

Aufmerksamkeit bekommt das, was schwer zu haben ist.

Ich schreibe das ohne Bitterkeit, weil ich glaube, dass das einfach in der Natur des Menschen liegt, so zu reagieren. Ausnahmen bestätigen meistens die Regel. Es gibt sie, man muss sie nur sehen.

Es ist einfach so, dass ich das schon seit vielen Jahren immer wieder beobachtet habe. In meiner eigenen Familie, bei meinen Kindern, bei mir selber, im privaten Bereich und im Internet. Man findet dieses Verhalten überall.

Das fängt in der Kunst an. Das, was rar ist, steigt im Wert. Massenware, Dinge, an die man leicht kommt, sinken im Wert. Sogar dann, wenn die Qualität besser ist. Es ist eben nichts Besonderes mehr. Oder der Künstler lebt noch. Dann kann ja noch genügend nachkommen. Sobald er stirbt, steigt der Wert seiner Kunst. Aber ok, lassen wir das mit der Kunst, auch dort gibt es Ausnahmen. Auch dort liegt der Wert im Auge des Betrachters. Aber nur dort?

Was ist mit Twitter? Ich habe noch nie beobachtet, dass jemand einen Screenshot davon macht, wenn ein „kleiner“ Account einem folgt bzw. zurückfolgt und einen Freudentanz deshalb macht. Was für ein Aufstand wird oft betrieben, wenn einer von den „großen“ Accounts zurückfolgt. Einer, dem man schon so lange folgt, Aufmerksamkeit schenkt, favt und retweetet was das Zeug hält. Einer, der sehr in der Öffentlichkeit steht. Er oder sie folgt zurück. Halleluja! Es wird gefeiert, bevor er auch nur einen einzigen Tweet von euch/uns zurück gefavt hat. Manchmal bleibt es auch dabei. Es wird nur gefolgt. Die Favs oder Retweets kann man sich denken. Ich schließe mich da gar nicht aus. Ist mir auch schon passiert. Anfängerirrtum. Inzwischen denke ich darüber anders.

Im zwischenmenschlichen Bereich ist es oft genauso. Wer uns seine Zuneigung auf dem Silbertablett serviert, ist vielleicht am Anfang interessant. Man fühlt sich gebauchpinselt, genießt die bedingungslose Aufmerksamkeit und Zuneigung, doch bald schon verliert sich das. Es wird zur Gewohnheit, das Interesse lässt nach. Verliebt wird sich in solche Menschen nur selten. Interessanter sind die, um die man kämpfen muss, die fast unerreichbar erscheinen und das oft genug auch bleiben. Um diese unerfüllte Liebe kann dann ausgiebig getrauert werden. Dass man für jemand anderes genauso eine unerfüllte Liebe ist, weil man ihn oder sie gar nicht wahrnahm, ist da nebensächlich.

Ja, auch das ist mir schon passiert. Vielleicht erkenne ich die Muster deshalb so gut.

Ebenso habe ich das im familiären Bereich immer wieder gesehen. Z.B. bei getrennt lebenden Eltern. Das Elternteil, bei dem die Kinder bleiben, dass sich rührend kümmert, rotiert, immer da ist. Es ist halt da. Es wird mit Sicherheit auch geliebt und es wird wahrgenommen, was dieses Elternteil für sie tut. Es wird nur oft nicht gezeigt, weil es eben normal ist. Das andere Elternteil, das sich ab und zu mal einbringt, hin und wieder Aufmerksamkeit schenkt, unbelastet von den alltäglichen Problemen, das kommt auf den Sockel. Über diese Person wird sich ein Loch in den Bauch gefreut, wenn sie ein Versprechen hält (mal). Wenn sie den Kindern das ab und zu schenkt, was sie sich wünschen.

Der andere Teil, der das immer tut, erlebt das nur selten. Das ist einfach so und liegt in der Natur der Sache. Nicht immer schön aber menschlich.

Und das alles erklärt dann auch so ein Verhalten wie von Dunkelbunt beobachtet (auch wenn es Erwachsene waren, die so etwas sagten):

 

Einigen wir uns darauf, dass für Kinder jeder Elternteil ein Held ist, der zur Aufführung erscheint. Es fällt nur mehr auf, wenn er seltener kommt.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write