„Das hat dir alles deine Therapeutin eingeredet…“

… war eine der Erklärungen, die mein inzwischen geschiedener Ehemann dafür fand, dass ich die Trennung wollte.

Er hätte es besser wissen müssen, wie viele Gründe – über die ich hier nicht näher eingehen möchte – es dafür tatsächlich gab. Und doch verstehe ich ihn heute. Wie viel diese Aussage von ihm über ihn, über mich und über das Bild aussagte, das er von mir hatte, begriff ich erst Jahre später.

Tatsächlich hatte meine Therapeutin recht wenig mit dieser Entscheidung zu tun. Ich wusste dass dieser Weg unausweichlich war, als sie noch von Familien- bzw. Paartherapie sprach. Sie traf keine Entscheidungen für mich und legte mir auch keine in den Mund. Sie lehrte mich lediglich überhaupt Entscheidungen zu treffen. Nicht anderen die Entscheidungen über mein Leben zu überlassen um mich anschließend darüber zu beklagen, dass es nicht die richtigen waren. Sie lehrte mich, selber Entscheidungen zu treffen, die zur Abwechslung mal für mich gut waren. Dass Er das nicht verstehen konnte, ist heute für mich nachvollziehbar. Hatte er mich doch völlig anders kennengelernt. Mehr als 20 Jahre vorher. Ich habe zwar Wünsche geäußert, sie jedoch sehr sehr selten durchgesetzt. Somit überließ ich ihm sicher 98% aller Entscheidungen. Er sollte mich ja lieb haben. Ich hatte schon in meiner Kindheit gelernt, dass das so funktionierte. Von klein auf. Ich mache, was von mir verlangt wird, störe nicht, bin da wenn man mich braucht und ansonsten unsichtbar, dafür hat man mich lieb. Dachte ich. War aber nicht so. Es sorgte nur dafür, dass es nicht schlimmer wurde, den Unterschied kannte ich aber als Kind nicht. Deshalb konnte ich auch nicht fühlen, dass ich geliebt wurde. Extrem bekam ich das zu spüren, wenn ich versuchte mich zu wehren. Erst als meine Gefühle soweit „zerstört“ waren, dass es mir egal war, ob er mich liebt und was er von mir denkt, konnte ich diese Entscheidung treffen, war ich nicht mehr die brave Ehefrau, die bereit war alles zu tun, nur um nicht verlassen zu werden, Streit zu vermeiden.

Wenn man plötzlich anfängt auf sich zu achten, Grenzen zu setzen, Widerworte zu geben, eine klare Meinung auszusprechen, reagiert das gewohnte Umfeld mit Unverständnis, vor allem dann, wenn sie dadurch plötzlich benachteiligt werden.

„Was ist denn mit der plötzlich los?“
„Der bekommt wohl die Therapie nicht!“
„Was machen die da mit der?“
„Die ist aber komisch (herzlos, kalt, egoistisch etc.) geworden.“

Als ich drei Jahre nach der Trennung in eine psychosomatische Kur fuhr, um die Psychopharmaka abzusetzen, neu durchzustarten, sagte meine Mutter vor der Abfahrt zu mir: „Ich hoffe, du bist danach wieder die Alte.“

Damals hat mich das sehr verletzt. Sie hat NICHTS verstanden, ging mir schmerzhaft durch den Kopf. Wusste sie nicht, dass genau das, so wie ich damals war, so wie sie mich wiederhaben wollte, dass es genau das war, was dazu führte, dass ich krank wurde?

Nein, wusste sie nicht. Ihr ging es darum, dass sie ihr braves Mädchen wieder bekam, das sie immer noch in mir sah. Die Tochter, die sie gewohnt war und mit der sie besser zurecht kam. Ich war ihr plötzlich fremd. Doch die Tochter, die sie kannte, gab es so nicht mehr. Natürlich habe ich mich nicht vollständig verändert. Im Kern bin ich immer noch dieselbe Person. Zusätzlich mit Grenzen, mit einem klaren Willen. Klarer, als vielen lieb ist, die mich so nicht kannten. Die Austeilen konnten ohne mit einem Echo rechnen zu müssen. Ich habe still gelitten. Opferrolle. Für mein Umfeld bin ich heute eine völlig andere. Sie sehen nur, was bei ihnen ankommt, was ja normal ist.

Ich mag den (sicher oft gut gemeinten) Spruch „Bleib so, wie du bist.“, nicht mehr. Schöner finde ich: Ich mag dich, wie du bist.

Man verändert sein Verhalten, nicht seine komplette Persönlichkeit. Manchmal gilt es, genau die in der Therapie zu finden. Ich habe viel abgelehnt was ich von meiner Mutter kannte. Nur nicht so werden wie sie. Ich war so besessen davon, dass ich gar nicht mehr wusste, ob ich etwas ablehne, weil ich es von ihr kenne oder weil ich es wirklich nicht mag. Darauf gekommen bin ich übrigens nicht in der Therapie. Sie hat mir nur die Möglichkeit gegeben, mich zu reflektieren. Oft waren es völlig normale Situationen, die mir ein Aha-Erlebnis bescherten. Ein Gespräch über alles mögliche, irgendetwas, das ich sah. U.a. war es ein Film mit Julia Roberts (Die Braut, die sich nicht traut). Dort gibt es eine Szene, in der sie ausprobiert, wie sie ihr Ei mag. Weich oder hart gekocht, Rührei, Spiegelei … Sie hatte ihr Ei immer so gegessen, wie ihre Partner sie aßen. Sie aß irgendwelche Cornflakes, weil sie wusste, dass ihre Mutter das hasste und stellte fest, eigentlich mochte sie die gar nicht. Nein, ich hatte so etwas nicht getan aber als ich diese Szene sah, war das wie ein Schlüsselmoment.

Mache ich etwas aus Trotz, bin ich nicht frei in meiner Entscheidung.

Es geht darum, herauszufinden, was man für sich selbst will und dieses Ziel in einem gesunden Maß zu verfolgen.

Und: Warum will ich es? Weil ich jemandem gefallen will? Weil es mich weiter bringt und gut für mich ist? Weil ich jemandem eine Freude damit machen will? Egal warum, aber entscheide bewusst.

Bis sich das richtige Maß von Abgrenzung und gesundem Egoismus eingependelt hat, vergeht eine lange Zeit. Eine Zeit der Selbstfindung voller Rückschläge und Überreaktionen. Das war eine schwere Zeit. Für mich und auch für mein Umfeld. Von den wenigen Freunden von damals blieb keiner übrig. Das ist ok. Mit meiner Kindheit, der Zeit meiner Ehe habe ich Frieden geschlossen und wunderbare Menschen kennengelernt. Alles hat seine Zeit. Ich habe meine und die ist JETZT.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

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Keine große Sache – oder doch?

Meine Tochter war 3 oder 4 als sie irgendwann aus dem Kindergarten nach Hause kam und erzählte, dass da ein Junge sei, der sie immer wieder ärgerte, mit Worten und Taten. Inzwischen fühlte sie sich so unwohl dabei, dass sie den Tränen nah war und sich nicht mehr zu helfen wusste. Weggehen, die Erzieherinnen zu Hilfe rufen, das alles wirkte nicht.

Natürlich kann man sagen, vermutlich mochte er sie und neckte sie deshalb. Das spielt aber nur eine untergeordnete Rolle, wenn sie sich dabei unwohl fühlt.

Körperlich wehren im Sinne von wegschubsen etc. war im Kindergarten natürlich unerwünscht. Also riet ich ihr, ihm das nächste Mal, wenn er sie wieder drangsalierte, direkt und so laut sie kann ins Gesicht zu schreien: „LASS MICH ENDLICH IN RUHE!“ Wir übten das sogar.

Am nächsten Abend erzählte sie mir mit leuchtenden Augen von ihrem Erfolg. Er sei auf ihren Schrei hin erschrocken und wortlos weggegangen. Danach hat er sie nie wieder bedrängt.

Mir ist bewusst, dass das auch hätte anders ausgehen können. Aber es war einen Versuch wert und sehr wichtig für die Entwicklung meiner Tochter.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

Umfrageergebnis: Was wünsche ich mir in der Depression von meinen Mitmenschen?

Zur Vorgeschichte: Vor einigen Tagen retweetete man mir eines der Bildchen mit „Depressions-Bingo“ in die Timeline. Für die, die nicht wissen, was das ist:

Diese Tabellen habe ich seit Jahren immer wieder in unterschiedlichen Zusammenstellungen gesehen und auch geteilt. Einige dieser Sätze hat sicher jede/r Depressive selbst schon einmal gehört. Die Schlimmsten (verletzende, abfällige Sprüche) sind mir Dank eines tollen Umfeldes erspart geblieben. Einiges davon ist dumm und verletzend. Einige treffen auch den Kern des Problems und tun deshalb weh, weil man es oft selber weiß aber sich weder in der Lage fühlt, etwas daran zu ändern, noch es in Worte zu fassen. Bei einigen vermute ich Hilflosigkeit. Hilflosigkeit des direkten Umfelds, das vielleicht noch nie mit depressiven Menschen zu tun hatte. Mir fehlt da das gegenseitige Verständnis. Ich kenne beide Seiten und ich kenne auch die Hilflosigkeit. Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, was man tun kann, so viele Fragen, die einem durch den Kopf gehen.

  • Was kann ich tun?
  • Soll ich überhaupt was tun?
  • Soll ich bleiben?
  • Soll ich sie/ihn in Ruhe lassen?

Diese und  viele Fragen mehr, die den Betroffenen in einer tiefen Depressionsphase völlig überfordern. Oft weiß man in der schwersten Zeit selber nicht, was man braucht. Hat gleichzeitig das Bedürfnis nach Ruhe und wenn man diese Ruhe hat, fühlt man sich einsam. Ein Teufelskreis.

In der Depression ist es schwer einen klaren Gedanken zu fassen, worauf wohl auch zurückzuführen ist, dass wie in der Umfrage ersichtlich, wenige gefragt werden möchten, was sie sich wünschen und man weiß auch selber oft in dem Moment nicht, was man will. Aber es gibt Zeiten, mal sehr kurze Zeiten oder auch längere, in denen es wieder etwas besser geht, in denen die Sprachlosigkeit, die Kraftlosigkeit etwas nachlässt. Das sind die Zeiten, die man dafür nutzen kann seinem Umfeld zu sagen, was man sich von ihnen wünscht und was sie bitte lassen sollen.

Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Bedürfnisse so unterschiedlich sind, wie die Erkrankung selber, erstellte ich eine Umfrage auf Twitter.  Mein Wunsch war, dass jeder, der es gerade kann formuliert, was er sich wünscht. (Was unerwünscht ist, sollte inzwischen bekannt sein, trotzdem ist es sinnvoll auch da weiter zu informieren.)

Die Resonanz war überwältigend. Damit habe ich nicht gerechnet, hatte aber viel Freude an dem Austausch. Vielen Dank, dass sich so viele auch aktiv durch Replies beteiligt haben!

An der Umfrage beteiligten sich insgesamt 892 Betroffene und wählten wie folgt:

Grafik Depressionen

Bingo mal anders

Am wichtigsten war für 45 % die „ganz normale Behandlung“. Das heißt für mich, keine Sonderbehandlung, keine Samthandschuhe. Wenn man respektvoll (25%) miteinander umgeht, bedeutet das auch: Kein zusätzlicher Druck, keine Anweisungen, sich nicht lustig machen, keine Abwertung. Lediglich eine Rückmeldung bekam ich, dass bei eigener Antriebslosigkeit Motivation von anderer Seite gewünscht ist. Das bleibt wohl eher die Ausnahme. Denn oft genug fehlt einfach die Kraft für Unternehmungen/Sport etc.

Viele Rückmeldungen wünschten sich Akzeptanz. Ganz normaler Umgang und akzeptieren, dass man ist wie man gerade ist und die Art wie man damit umgeht/lebt. Die wenigsten Menschen, die selber nie von Depression betroffen waren, verstehen was in Depressiven vorgeht. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich und nötig. Bei anderen Krankheiten/Verletzungen kann man den Schmerz auch oft nicht nachvollziehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Höchstens die Angst davor. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich Depression als Schmerz vorzustellen, was auch oft genug so ist. Der (seelische) Schmerz ist da, nicht immer helfen Tabletten dagegen. Fakt ist: Seelischer Schmerz kann genauso heftig sein, wie körperlicher. Das Beste was man tun kann ist da sein. Da sein, wenn der Betroffene reden möchte, wenn er eine Umarmung (24%) möchte. Dazu gehört sehr viel Empathie, die oft beide Seiten überfordert. Wenn der Erkrankte nicht weiß, was er braucht, woher soll es ein anderer erst wissen? Hellsehen kann niemand.

Meine größte Angst war, von den Menschen, die mir am wichtigsten waren, Freunde, Familie, verlassen zu werden. Ihnen zuviel zu werden. Denn auch für das Umfeld, Partner, Familie, sind diese Depressionen sehr belastend. Das darf man nicht vergessen. Auch sie machen sich Sorgen, sind oft hilflos. Über die Jahre zu sehen, dass sie blieben war mir unendlich wichtig und gab mir Vertrauen.

Viele schrieben, dass sie alle Punkte wichtig finden und sie sich nur schwer entscheiden konnten. Wenn man es genau nimmt, ist der Übergang fließend. Begegnet man sich mit Respekt, macht man keine Vorwürfe oder abfällige Bemerkungen, lästert nicht (Ehrlichkeit) hinter dem Rücken über das „merkwürdige Verhalten“ ohne zu wissen, was los ist. Das sollte normal sein. 

Verständnis für die Situation, für Schwächen, dass man etwas gerade in diesem Moment nicht tun kann, was sonst geht und auf Ratschläge verzichten. Ebenso Verständnis dafür, dass man gefühlsmäßig anders reagiert als sonst. Das finde ich persönlich auch besonders wichtig.

Weitere Wünsche waren: 

  • Zuhören – mal still, mal aktiv
  • Gespräche wenn gewünscht
  • Zuwendung
  • Anteilnahme
  • Rücksichtnahme (ohne Mitleid)
  • Wahr und ernst genommen werden. (Nicht ignoriert werden. Keine aufgesetzte gute Laune. Gefühle unkommentiert zur Kenntnis nehmen)
  • sich willkommen fühlen können, auch ohne gute Laune
  • Keine Benachteiligung im Beruf! 

Ebenfalls einen ganz wichtigen Hinweis fand ich die Bitte, dass die Angehörigen auch auf ihre Grenzen achten. Mitgefühl ist gut und es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, dass man etwas mit-leidet, wenn es einem geliebten Menschen so schlecht geht. Es belastet jedoch zusätzlich, wenn der Depressive sich um den Partner etc. auch noch Gedanken machen muss. Also bitte, achtet auf euch! Auch die Partner, Familie, Freunde haben eine Auszeit verdient und nötig.

Auf eine schöne Reply vom Melancholeriker möchte ich zum Abschluss noch hinweisen. Er wünscht sich positive Sätze, die sicher allen helfen würden.

„Du, deine Tränen ekeln mich nicht. Deine Traurigkeit macht mir keine Angst. Du darfst auch wuetend sein. Wenn du willst bin ich da + bleibe.

Du musst dich nicht vor mir schaemen. Du musst mich nicht beschützen. Ich weine gern mit dir, wie auch lachen.

Zu guter Letzt: Ich reiche meine Hand, meinen Arm. Den Zeitpunkt des Ergreifens/ Loslassens bestimmt du allein.“

 

Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges übersehen oder vergessen!
Alle Replies können im Detail unter der Umfrage nachgelesen werden. Ganz herzlichen Dank noch einmal an die vielen tollen Menschen, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben.

Damit danke ich für euer Interesse.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

Nachtrag: Die liebe Chaos Queen, von der das oben erwähnte Depressions-Bingo stammte, hat mir eben erzählt, dass sie, aufgrund der Wünsche ihrer Leser, ebenfalls einen – wie ich finde – sehr lesenswerten „What to do“-Beitrag geschrieben hat. Den findet ihr hier

 

Diese Zeilen haben mich berührt – via @StieglerThomas https://thomasstieglerblog.wordpress.com/

„Früher, da hätte ich sie gepflückt, diese Veilchen.“ Menschen wie mich nennt man abfällig Träumer. Oder Versager. Aus der Zeit gefallen. Alt und verbraucht. Aber wenn man älter wird, wenn man aufmerksam durch die Welt geht und ein paar Dinge verstanden hat, dann verändert das einen Menschen. Dann braucht man Dinge nicht mehr […]

über „Früher, da … — Thomas Stiegler

Ein sehr schöner Gedanke von @Jack__Hanson, der mir aus der Seele spricht, denn das Beste, was wir haben, ist unser Leben

Es dreht sich alles um das Beste. Alles muss optimiert sein. Besser. Glänzender. Ein jeder von uns muss stärker, schöner, lauter, leiser, glücklicher, reicher, gesünder, besser sein als alle anderen. Wir müssen das beste Haus, das beste Auto, den besten Job, das höchste Gehalt haben. Wir müssen uns optimieren. Stichwort Nachhaltigkeit. Nein, müssen wir nicht. […]

über Optimal — Wegmarken

Was sich bei mir verändert hat, 12 Jahre nach Ausbruch der schweren Depression

Dass ich jetzt nicht erst aufzähle, wie schlimm es damals war, gehört mit zu meiner Veränderung. Ich will in dem Schmerz nicht mehr bohren, mich darin suhlen weil es so ein ’schönes‘,  gewohntes Gefühl ist. Ich möchte nach vorne schauen. Mich auf das JETZT und auch die Zukunft freuen.

Wenn ich jedoch gefragt werde, wie es war mit einer schweren Depression zu leben, bin ich gerne bereit darüber zu sprechen. Doch nicht, um diesen Schmerz und was dazu führte, immer und immer wieder zu durchleben.

Ich bin nach wie vor mein schärfster Kritiker. Doch nutze ich diese Wesensart heute (meistens) anders. Ich hinterfrage meine – falsch erlernten – Muster.  Muster, die sich in meiner Kindheit und Jugend entwickelten. Ich nutze sie um zu hinterfragen ob die schlechten Gefühle, die sich immer mal wieder einschleichen, berechtigt sind und ob sie gerecht sind. Ob sie wahr sind oder nur Ergebnis der Depression, die einem Lügen erzählen will. Z. B. dass einen niemand liebt, dass man wertlos ist, nicht genug, nicht gut genug, nicht liebenswert usw. usw.

Ich frage mich, ob ich mich selbst an die Nase fassen muss oder ob ich zurecht auf jemanden sauer sein kann, der dieses Gefühl auslöste, weil er sich falsch verhielt. Manchmal bin ich da immer noch unsicher. Zum Glück habe ich heute Freunde, die rücksichtsvoll genug sind, mir ehrlich die Wahrheit zu sagen, ohne dabei absichtlich verletzend zu sein. Das erwarte ich von meinen Freunden auch. Ehrlichkeit. Klar tut die Wahrheit ab und zu weh. Aber das ist hin und wieder nötig um sich wieder ein Stück nach vorne zu bewegen. Und sie schätzen meine Ehrlichkeit. Wir spiegeln uns gegenseitig. Vorsichtig aber ehrlich.

Als mir das erste Mal klar wurde, wie ungerecht diese schlechten Gedanken denen gegenüber sind, die mich lieben, die mich vermissen würden, wenn ich nicht mehr da wäre, war ich wütend auf mich, habe mich geradezu dafür gehasst. Wieder so ein altes Muster. Heute sehe ich sie kommen und erkenne sie als Lüge. Ich habe das regelrecht trainiert, bis es zur Gewohnheit wurde, sie als Lüge zu erkennen, dagegen zu wirken, mich abzulenken.

Natürlich ist es nicht möglich, alle schlechten Phasen wegzudenken aber ich sehe sie anders. Diese Missstimmungen haben eine Ursache, die manchmal weit in der Vergangenheit liegen und durch aktuelle Ereignisse ausgelöst werden können. Das kann durch alles mögliche passieren. Ich weiß das, ich warte nicht darauf, rechne aber damit und kann es dadurch meistens auch besser aushalten. Es gibt aber auch Momente, in denen es mich überrollt. Das sind die schwierigsten.

Die Phasen kommen aber sie bleiben dadurch kürzer. Ich halte sie besser aus und erhole mich schneller. Die Depression wirkt immer noch wie ein Verstärker aller Gefühle. Das muss nicht immer negativ sein.

Was hat sich noch verändert?

Ich weiß heute ziemlich genau was ich will und lasse mich auch nicht durch Menschen ausbremsen, die das schlecht reden. Ich habe liebe neue Freunde gefunden, von den früheren ist niemand mehr übrig. Meine Veränderung ist u. a. dafür verantwortlich. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn man plötzlich klar sagt, was man will und was nicht und sich nicht mehr gängeln lässt, sprich erwachsen geworden ist. Ich musste lernen, diese Dinge nicht zu schroff auszusprechen, um den Menschen in meinem Leben nicht vor den Kopf zu stoßen. Auch für sie war meine Veränderung schwer. Das darf man nicht vergessen. Und der Hang von einem Extrem ins andere zu verfallen ist verführerisch und nur natürlich. Das muss sich erst einpendeln.

Wenn es mich packt, gehe ich alleine auf Konzerte ohne gleichzeitig darüber traurig zu sein, dass ich alleine bin, weil es mir lieber ist alleine zu gehen, als jemanden dabei zu haben, der nur halbherzig mitgeht und mich spüren lässt, dass er nicht wirklich Spaß hat. Das bremst mich immer noch aus.

Ich probiere alles aus woran ich wirklich Spaß habe, egal wie gut ich darin bin. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man erkennt, dass man Dinge tun kann, einfach weil man Spaß daran hat ohne diesen Perfektionsanspruch zu haben. Natürlich gebe ich trotzdem mein Bestes aber wenn es nicht klappt… so what … dann mache ich was anderes. Das, woran ich am meisten Spaß habe, da bleib ich dran, wie z. B. das Singen im Chor.

Ein „das ist doch nichts für dich, das kannst du nicht“, bremst mich nicht mehr aus. Eher packt es meinen Ehrgeiz es trotzdem zu versuchen und es selbst herauszufinden, was ich kann und was nicht. Umso wertvoller war es damals, einen Freund zu haben, der mit Mut machte, als ich monatelang aus Angst nicht gut genug zu sein, vor mir her schob, mich in dem Chor zu bewerben, in dem ich nun seit fast 5 Jahren singe (unfassbar, 5! Jahre schon).

Woran ich noch arbeiten muss: 

Das unangenehme Gefühl loszuwerden, das sich immer noch in mir ausbreitet, wenn ich jemandem, den ich mag, nein sagen muss. Nein, ich kann dir nicht helfen, weil es gerade nicht geht. Nein, ich gehe da nicht mit, weil es mich nicht interessiert. Nein, ich gehe nicht mit spazieren, weil ich gerade faul sein will. Sich das zu erlauben fällt mir immer noch schwer. Weil ich doch so gerne helfe, anderen eine Freude mache. Ich erlaube mir beides. So wie mir gerade ist. Und ich habe gemerkt, echte Freunde akzeptieren das genauso, wie ich das akzeptiere. Ohne Vorwürfe, ohne beleidigt zu sein, ohne mir ein schlechtes Gewissen machen zu wollen.

Besonders schwer fällt es mir immer noch, meiner Familie (Eltern und Geschwistern) Grenzen zu setzen. Daran arbeite ich noch.

Ich hoffe, dass die Gedanken, dass ich zur Last falle wenn ich über das was mich bewegt spreche, irgendwann ganz verschwinden.

Danke für euer Interesse an meinen Gedanken.

Alles Liebe und viel Kraft für euch! ❤

Eure Silent Write

 

 

 

11 Fragen von @daretobemad an mich

1. Wovon handelt dein Blog und warum?

Mein Blog hat kein bestimmtes Thema. Im Blog lasse ich das raus, was nicht in 140 Zeichen passt aber unbedingt aus mir heraus will.

2. Was ist dein (geheimer) Traum?

Ich habe mir vor kurzem erst einen großen ‚geheimen‘ Traum erfüllt und mir ein Klavier gekauft. Wenn es klappt, nehme ich ab Herbst Klavierunterricht.

3. Welcher Glaubenssatz über dich steht dir am meisten im Weg?

Nicht gut genug zu sein.

3. Welche Superkraft hättest du gern?

Die Superkraft, dafür Sorgen zu können, dass es den Menschen, die mir am Herzen liegen, gut geht.

4. Was ist dein Mut-mach-Song?

Ich habe keinen. Mut bekomme ich nicht aus Liedern, sondern manchmal aus mir selbst oder durch Menschen, die mir nahe stehen.

5. Was ist das Beste, das dir in deinem Leben passiert ist?

Meine Kinder.

6. Was ist dir das Wichtigste im Leben?

Meine Kinder und dass es den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.

7. Was nervt dich ganz besonders?

Doppelmoral und Ungerechtigkeit.

8. Welche ist deiner Meinung nach die beste Erfindung aller Zeiten?

Abgesehen von medizinischen Dingen, die viele Menschenleben retten, das Internet. Abgesehen von meiner Familie hätte ich keinen der Menschen, die mir heute wichtig sind, kennen gelernt.

9. Wenn du eine Löffelliste* schreiben würdest, was würde als erster Punkt drauf stehen?

Wenn es nur um das geht, was ich selbst beeinflussen kann, dann würde als erstes Klavier spielen lernen drauf stehen.

(*Liste von Dingen, die man vor dem Tod unbedingt noch erleben möchte)

 10. Dein allerliebstes Lieblingsbuch?

Die Erzählungen und Märchen von Oscar Wilde. Ich bekam es im Alter von 8 Jahren geschenkt und hat mich in meiner Kindheit am meisten geprägt.